Europa am Scheideweg.

Marktkommentar - März 2017

Europa am Scheideweg.

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Nach einem guten Jahresauftakt für Aktien und überraschend besser als erwarteten Wirtschaftsdaten ist die Aufwärtsbewegung der globalen Aktienmärkte ins Stocken geraten. Für diese Verschnaufpause werden vielfältige Gründe genannt. Die relativ zur eigenen Historie der vergangenen Jahre hohen Bewertungen sind davon meiner Meinung nach die schlüssigsten. Andere Begründungen laufen in die Richtung, es habe nach solch einem Anstieg in den Aktienpreisen oder so und so langem Aufschwung der Wirtschaft immer deutliche Korrekturen gegeben, folglich müsse es auch jetzt solch eine Korrektur an den Märkten geben. Wieder andere führen die politischen Probleme der Welt, Trump, Putin, Erdogan und die Wahlen in den Niederlanden und Frankreich ins Feld. Ähnliches wird für die Rentenmärkte befürchtet, hier hat die Furcht den Namen Zinswende. Viele Marktteilnehmer befürchten also, dass wir uns wirtschaftlich und bezüglich der Marktbewertung an einem Scheideweg befinden.

Über die durch Inflationsbefürchtungen getriebenen Ängste und Argumente für und gegen eine Zinswende in der Eurozone habe ich bereits in den letzten Monaten meine Gedanken geäußert. Die letzten Veröffentlichungen der Kerninflationszahlen in Deutschland und der Eurozone haben dabei unser unaufgeregteres Weltbild erwartungsgemäß bestätigt. Diesen Monat möchte ich mehr auf die Aktienmärkte und damit auf die Welt der Chancen, die sich gegenwärtig noch bieten, eingehen. Charakteristisch für die letzten Wochen war, dass viele volkswirtschaftliche Daten immer noch besser und stärker ausfallen als die bereits angehobenen Erwartungen. Die Unternehmen in den USA und Europa haben ihre Berichtssaison sehr positiv abgeschlossen und die Aktienmärkte haben dies gewürdigt. Sind wir damit schon am Ende der Fahnenstange angekommen? Wir glauben nicht. Interessanterweise beobachten wir einige marktwirtschaftliche Faktoren, die das erste Mal seit Beginn der Finanzkrise wieder beginnen, positiv zum Wachstum beizutragen: Die Investitionen. In den zurückliegenden beinahe zehn Jahren, war ein Hauptgrund für das blutleere Wachstum der Weltwirtschaft die fehlende Investitionstätigkeit, die wir in unseren Anlagebriefen regelmäßig thematisiert haben. Doch genau an dieser Bruchstelle der Weltwirtschaft sehen wir global und synchron eine deutliche Belebung. Dies geschieht vor global stabilen und sich bei uns auch in der Peripherie verbessernden Arbeitsmärkten, was das Konsumentenvertrauen unterstützt und letztlich dafür sorgt, dass der private Verbrauch stark ist. Mit den abgeschlossenen Aufräumarbeiten aus den Zeiten der Überkapazitäten und des Lagerabbaus, können wir bei sich erholender Investitionstätigkeit gesunde Gewinne in der Industrie ebenso erwarten, wie im nichtindustriellen Bereich. Die Einkaufsmanager-Umfragen spiegeln dies bereits wider und geben sogar ein Signal für eine Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit. Die Gewinnerwartungen der Unternehmen berücksichtigen dieses Szenario eines beschleunigten Wachstums derzeit noch nicht. Es stehen den angeführten Bedenken also nach wie vor substantielle Chancen gegenüber, was angesichts niedriger Zinsen eine deutliche Übergewichtung von Aktien nahelegen würde. Trotzdem – und damit möchte ich mich und unser Team bei der Fürstlich Castell’schen Bank mit einschließen – tun sich Anleger schwer, deutliche Übergewichtungen bei Aktien einzugehen. Zu schmerzhaft sind allen Marktteilnehmern die Fehlbeurteilungen aus dem schwierigen letzten Jahr gegenwärtig: Vom Jahresauftakt mit kollabierenden Öl- und Aktiennotierungen, einer Erholung, die in der BREXIT-Überraschung unangenehm endete, bis hin zur Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.

Jetzt stehen wieder Wahlen an und jeder möchte sich auf eine für möglich erachtete Demokratie-Dämmerung einstellen. Da unsere Einschätzungen bezüglich der für das letzte Jahr genannten Klippen jedoch richtig waren, sind wir weniger verunsichert. Wir glauben, dass sich die befürchteten Wahlerfolge für Wilders und Le Pen als Chimäre herausstellen. Da die Wahlen in beiden Ländern vor dem Hintergrund hoher Zustimmungswerte zum Euro und der EU stattfinden, halten wir den zu einem ungünstigen Ausgang notwendigen Erdrutsch für ausgeschlossen. Damit ist das Thema Populismus in Europa nicht gelöst und es wird uns während der kommenden Legislaturperiode mehr beschäftigen und verunsichern, als uns lieb ist. Es reicht aber derzeit noch nicht dazu aus die kommenden Wahlen zu entscheiden.

Sollte es jedoch zu unangenehmen Überraschungen bei Wahlen oder in der Außenpolitik kommen, steht unser bewährtes Risikomanagement bereit, die entstehenden Verwerfungen zu managen. Nicht zuletzt deshalb haben wir in der letzten Sitzung unseres Investmentkomitees neben dem Votum für eine leichte Aktienübergewichtung auch für ein Anheben unserer Sicherungslinie, die den Sicherungsbereich begrenzt, gestimmt. Wie Sie als Anleger wissen, werden wir gemäß unserer konservativen Anlagephilosophie alles dafür tun, nicht in den Sicherungsbereich einzutreten.