Von Höchstständen und Zinsen

Marktkommentar - Juni 2017

Von Höchstständen und Zinsen

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Gerade sahen wir die letzten Höchststände an den deutschen und globalen Aktienmärkten und mit jeder Erwähnung eines Höchststandes des DAX in der Tagesschau schwingt die ungestellte Frage mit: Wie lange kann das noch gutgehen? Wenn man die Geschichte des DAX seit seiner Einführung graphisch darstellt, so erkennt man sofort, dass sich dieser von links unten nach rechts oben schlängelt. Bei einem derart gestalteten Schlängeln ist es normal, dass regelmäßig neue Höchststände gesetzt werden, ja gesetzt werden müssen, wenn die DAX-Bewegung von links unten nach rechts oben der Regelfall ist. Und genau das sollte sie sein, wenn menschlicher Geschäfts- und Erfindungssinn bessere Produkte, höhere Gewinnmargen und Gewinne erzielen können. Wie stark der jeweilige Aktienkurs eines Unternehmens oder ein ganzer Korb von Aktien, wie der DAX, auf diese Fortschritte und Gewinne reagiert, hängt von der Art und Weise ab wie die Marktteilnehmer Chancen und Risiken miteinander verbinden – welche Risikoprämie sie dafür fordern, das Risiko von Aktien zu tragen, statt in sichere Anlagen zu investieren.

Im letzten Monat habe ich versucht, unser Weltbild mit den Faktoren Lage, Stimmung und Bewertung zu beschreiben und möchte Ihnen heute eine Aktualisierung geben. Die Lage entwickelt sich so wie von uns erhofft, vor allem was die Beschleunigung des Wachstums in
der Eurozone betrifft. So warnte jüngst sogar schon das Institut für Weltwirtschaft in Kiel vor einer möglichen Überhitzung der deutschen Wirtschaft in 2018 oder 2019. Die Gewinne der Unternehmen sprudeln und diese Verbesserung der Lage werden wir in höheren Aktienkursen wiederfinden. Einzig in den USA, wo mittlerweile eine gewisse Ernüchterung darüber einsetzt, was Herr Trump von seiner Agenda aus Steuererleichterungen und Infrastrukturinvestitionen wann umsetzen kann, stagnieren die Kurse und die ökonomischen Daten enttäuschen die hochgesetzten Erwartungen vieler, künden jedoch nach wie vor von solidem Wachstum. Auch und gerade die kleinen Unternehmen sehen weiterhin sehr gute Chancen, was unser Weltbild ferner bestätigt. Es ist also davon auszugehen, dass wir in den kommenden Monaten weitere Höchststände von DAX, DOW und Co. werden vermelden können. Daher haben wir in der zweiten Monatshälfte die kurzlebigen Rücksetzer genutzt, um unsere Aktienquote weiter aufzubauen und damit den Übergang von einem vorsichtig positiven zu einem positiven Weltbild für Aktien zu dokumentieren. Geholfen hat uns sicherlich das desaströse Wahlergebnis der Konservativen um Frau May, das einen harten BREXIT mit unangenehmen Folgen für Großbritannien und die Eurozone unwahrscheinlicher werden lässt und das sehr gute Ergebnis des französischen Präsidenten Macron bei der Parlamentswahl. Die Jahre des Stillstands unter Hollande können von einer Zeit der notwendigen Reformen und des Fortschritts abgelöst werden.

Und bei den Zinsen und Währungen gehen wir von einer Fortsetzung des Kurses der EZB ebenso aus, wie von einer planmäßigen Zinspolitik der US-Notenbank. Hier hatte sich in den letzten Wochen und Monaten, die Überzeugung herausgebildet, dass die EZB früher als bisher kommuniziert, Zinsen erhöhen und Anleihekäufe kürzen würde und auf der anderen Seite die US-Notenbank FED ihr Zinserhöhungsprogramm nicht würde verfolgen können. Die
Folgen waren neben einem schwachen Dollar, der sich immer stärker vom Zinsgeschehen abkoppelte, auch kräftig fallende Zinsen in den USA und, wie zum Jahresanfang erlebt, steigende Zinsen bei Bundesanleihen. Unsere Portfoliostruktur litt dabei an dem schwachen US-Dollar und konnte von sinkenden Zinsen eher profitieren. Netto hat uns diese Beurteilung der Märkte weh getan, wir sehen aber bei mittlerweile extremen spekulativen Untergewichtungen vieler Marktteilnehmer im US-Dollar und gleichzeitiger Bestätigungen unserer Sicht der Zinswelt durch die Notenbanken in den Sitzungen der vergangenen Tage, die Zeit für ein Erstarken des US-Dollars und höhere Zinsen insbesondere in den USA gekommen. Mit Sicherheit kann die laufende Reality-Show im Weißen Haus weiter für Unmut und Irritationen an den Märkten sorgen, aber unser Credo des Jahres, dass politisch motivierte Rückschläge an den Märkten sich als Kaufgelegenheiten entpuppen werden,  bestätigt sich ein ums andere Mal. Sollte dennoch ein »schwarzer Schwan« um die Ecke biegen und die Party an den Märkten beenden, so sind wir froh, dass wir aufgrund unseres Risikomanagements genau wissen, wo unsere Risiken, wie groß sind und wir daher schnell und effizient werden reagieren können, um erreichte Gewinne, wo möglich, zu halten. Gerade deswegen haben wir in diesem Jahr bereits zweimal unsere Sicherungslinie nach oben angepasst.