Land der aufgehenden Sonne?

Marktkommentar - November 2017

Land der aufgehenden Sonne?

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit hat sich ein Aktienmarkt und ein Land, das seit Jahrzehnten verschollen schien, zurückgemeldet: Japan. Wer als Anleger meine Quartalsartikel und nun seit beinahe drei Jahren meine Monatsartikel gelesen hat, wird immer wieder von Japan und seinen Schwierigkeiten gehört haben, die zu den »verlorenen Jahrzehnten« geführt haben. Zum Jahresende 1989 hatte der bekannteste japanische Aktienindex, der Nikkei 225, also der Index der 225 größten japanischen Aktien, mit knapp 40.000 Zählern seinen bisherigen historischen Höchststand erreicht. In den folgenden Jahren stürzte der Nikkei bis auf ca. 7.000 Punkte im Herbst 2009 ab. Aktuell notiert er bei 22.500 Punkten und hatte kurz die 23.000 touchiert. Damit hatte er den höchsten Stand seit mehr als einem Vierteljahrhundert erreicht und eine Grenze durchstoßen, die seit 1992 mehreren Angriffen und Gegenbewegungen der japanischen Aktien widerstanden hatte. Flankiert wird diese aktuelle Entwicklung von guten Unternehmensgewinnen, die bereits das ganze Jahr 2017 nach oben korrigiert worden sind. Mit den erwarteten Gewinnen für 2018 läuft es analog und so scheint man trotz des eindrucksvollen Kursanstiegs erst am Anfang der Entwicklung und nicht an deren Ende zu stehen. Die Kurse sind mit den Gewinnerwartungen gestiegen und so bleibt der japanische Markt der wahrscheinlich günstigste der entwickelten Welt.

Blickt man auf die Ursachen für den Kapitalmarktkollaps und die Fehler Japans in den letzten 27 Jahren zurück, so sind mehrere Faktoren und Entwicklungen auch für das Handeln von Notenbanken in Europa und USA wichtig. 1990 platzte in Japan eine Immobilienblase. So wurden Hochhäuser und deren Grund in Tokio so teuer gehandelt, wie gesamt Kalifornien. Eine Übertreibung von wahrhaft »tulpenhaftem« Ausmaß. Das Platzen der Blase führte zu einer tiefen Rezession und einer Bankenkrise. Die Inflation fiel und die Bank of Japan (BoJ), die Notenbank Japans, tat nichts bzw. erhöhte am Anfang sogar noch die Zinsen. Dieses zuerst kontraproduktive und dann zu zögerliche Handeln der BoJ ist mittlerweile Gegenstand unzähliger akademischer Untersuchungen und ein Lehrbeispiel, was schief gehen kann. Denn die Inflation rutschte über längere Zeiträume immer wieder in den negativen Bereich und hat sich bis heute noch nicht nachhaltig erholt. Die Folgen waren wiederum wie aus dem Lehrbuch: Japan verlor seine Führerschaft in der Weltwirtschaft.

Warum starten japanische Aktien nun an den Börsen plötzlich durch? Im Jahr 2012 übernahm Shinzo Abe das zweite Mal in seiner Karriere das Amt des Premierministers und initiierte ein Programm, das Abenomics getauft wurde. In Anlehnung an die ehrwürdige Kunst des Bogenschießens in Japan, dem Kyudo, wurde von drei Pfeilen seiner Strategie gesprochen. In den folgenden Jahren setzte er mithilfe des Notenbankpräsidenten Kuroda zum Beispiel seine ultra-expansive Geldpolitik um, er reformierte das Arbeitsrecht und erreichte eine deutliche Steigerung der weiblichen Partizipationsrate am Arbeitsmarkt. Nach seiner erfolgreichen Wiederwahl Anfang November wird er mit einer expansiven Fiskalpolitik der Wirtschaft zusätzlichen Schwung geben. Im Verlauf der Zeit sollte diese Politik auch die gewünschte Inflation erzeugen, die bisher trotz aller Bemühungen auf sich warten lässt. Für die Aktienmärkte waren die Erwartung der Wiederwahl und das fiskalische Versprechen die Treibladung, welche die jüngsten Kursanstiege vorantrieb.

In unseren Portfolien haben wir von dieser Entwicklung schön profitiert, indem wir seit März in mehreren Schritten währungsgesichert in japanische Aktien investiert haben. Währungsgesichert deshalb, weil die Notenbankpolitik Japans noch expansiver ist als die der EZB und das Wachstumsgefälle ebenfalls noch für einen stärkeren Euro spricht. Zusammen mit unseren Aufstockungen der Aktienquote gegen Ende des Sommers konnten wir damit in den letzten Wochen und Monaten gute Gewinne in allen unseren Anlagestrategien vereinnahmen. Zum Anfang des Monats haben wir dann auch aufgrund der globalen Bewertungsentwicklung einen Teil der erreichten Gewinne mitgenommen und z. B. in der ausgewogenen Strategie ca. 10 % Aktiengewichtung reduziert und sind damit, was Aktien betrifft, neutral unterwegs. Grundsätzlich erwarten wir aber eine Fortsetzung der freundlichen Aktienmärkte bis tief in das Jahr 2018 hinein. Aus diesem Grund überlegen wir bereits, wie und wo wir die derzeit geparkten Gelder wieder in Aktien investieren. Vielleicht auch vermehrt in Unternehmen im Land der aufgehenden Sonne.