Strategie in Zeiten mit Getwitter

Marktkommentar - April 2018

Strategie in Zeiten mit Getwitter

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Die Berg- und Talfahrt geht weiter an den Aktien- und Anleihemärkten der Welt. Immer wieder wird sie befeuert von Twitter-Nachrichten des US-Präsidenten. Die schwindelerregende Rhetorik zwischen Russland und Trump ließ das Schlimmste befürchten. Mit dem nachfolgenden Militärschlag, der aber so ablief, dass eine Eskalation zwischen Russland und Trump unwahrscheinlich war, wurde dann doch weniger Porzellan zerschlagen als befürchtet. Wie ein Kollege meinte, müssen wir Portfoliomanager sogar dankbar sein, dass die Angriffe bei geschlossenen Börsen erfolgten und der Wertpapierhandel erst wieder einsetzte, als der Pulverrauch verzogen und das Ausmaß der Schäden sichtbar war. Ansonsten hätten viele Marktteilnehmer wieder zuerst verkauft und dann gefragt, was eigentlich passiert ist und die Aktienmärkte steil nach Süden geschickt. Für Trump hatten die Luftschläge gegen Assad nebenbei auch noch den Effekt, dass er in der Zustimmung der Amerikaner zu ihrem Präsidenten die höchsten Werte seit Amtseinführung erreicht hat. Wenn man aus Sicht von Herrn Trump Bilanz zieht, hat er sein Wahlversprechen, hart gegen Assad aufzutreten, wieder erfüllt, geht in klare Opposition zu Russland, was ihm in der Causa Wahlbeeinflussung durch Russland und Sonderermittlungen hilft, und verbessert seine Umfragewerte – und das alles, ohne die Kapitalmärkte in Panik zu versetzen. Abgänge und Entlassungen aus seiner Mannschaft, Durchsuchungen in der Kanzlei seines Anwalts und moralische Verfehlungen mit Pornostarlets sind vergessen. 3:0 für Trump!

Immerhin, unsere Thesen, dass Trump auf seine Militärs und die Kapitalmärkte, die Wall-Street, »hört«, scheinen sich auch mit den letzten Vorfällen weiter zu bestätigen. Solange diese Leitplanken wirken, werden die Aktienmärkte zwar mit Volatilität reagieren, aber nicht untergehen. Leider steckt im vorigen Satz das Wörtchen »solange«, was bedeutet, dass wir uns Gedanken machen müssen, welche Signale ein Ende der Wirksamkeit der Leitplanken frühzeitig anzeigen könnten?

Während die geopolitischen Auseinandersetzungen mit Russland, aber vor allem mit China, langfristig bestehen bleiben werden und Eskalationspfade mit den historischen Erfahrungen des kalten Krieges eher auf Stellvertreterkriege hindeuten als auf direkte Konfrontationen, gibt es im Bereich der Handelsauseinandersetzungen bzw. eines Handelskrieges mehr Grautöne, die es uns schwerer machen, ein Überschreiten einer roten Linie klar zu benennen. Verschlimmern würde sich insbesondere der Handelskonflikt mit China, den wir als den wirklich relevanten Problemfall ansehen, wenn die angekündigten Zölle aufgrund der Urheberrechtsverstöße effektiv wirksam oder sogar ausgeweitet würden. Bisher hat uns die schnelle und relativ aggressive Antwort der Chinesen überrascht, es bleibt aber noch durchaus Zeit, die Kuh vom Eis zu ziehen, bevor sie echten Schaden anrichten kann. Wirklich kritisch würde es, wenn eine der beiden Seiten den von der WTO bei Handelskonflikten vorgegebenen Pfad verlassen würde.

Bisher erfolgten alle von beiden Seiten angekündigten Maßnahmen noch in Übereinstimmung mit den WTO-Regeln. Andererseits wäre ein Eintreten in Verhandlungen und die Benennung und Klärung von Hauptkonfliktlinien ein Zeichen dafür, dass man in einen geregelten Prozess eingeschwenkt ist, der die Angst vor Instabilitäten bei den Marktteilnehmern senkt.

Am stärksten würde wohl eine innenpolitische Entwicklung helfen, bei der die Republikaner, deren politische Basis durch die chinesischen Zölle gezielt leiden würde, per Gesetzesinitiativen im Kongress gezielt darauf hinarbeiten, dass Trump in dieser Frage nicht mehr tun kann, was er will und andere, moderate Wege eingeschlagen werden können. Bei der Fragmentierung und Radikalisierung der Republikaner ist dies allerdings leider nicht zu erwarten.

Gleichzeitig sehen wir für 2018 deutlich gestiegene Gewinnerwartungen der Unternehmen rund um den Globus. Wir beobachten starkes Wachstum, das in einigen Fällen, wie den USA, zunimmt oder bei dem wir in Europa wohl schon das Maximum gesehen haben. Und das bei gleichzeitig um circa 10 % gefallenen Kursen. Hier bildet sich eine Diskrepanz zwischen Kursentwicklung bei Aktien und den Gewinnerwartungen heraus, die, falls die Unternehmen diese Gewinne auch vereinnahmen können, auf Sicht der nächsten 12-18 Monate durchaus 20 % Kurspotential erhoffen lassen. Wir wissen aber auch, dass die Gewinnerwartungen nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden, wenn die Welt in einen Handelskrieg taumelt oder wir einen großen militärischen Konflikt sehen. Bisher ist das nur unser Risikoszenario, wir müssen aber konstatieren, dass dessen Wahrscheinlichkeit in den letzten 8 Wochen zugenommen hat.

Folgerichtig haben wir seit Anfang Februar »sichere Hafen«-Investments wie Gold, amerikanische und sichere europäische Staatsanleihen aufgebaut und damit unsere Zinssensitivität deutlich erhöht. Sollte sich der Markt aber, wie im April so häufig, noch deutlich freundlicher zeigen, werden wir diese Zinssensitivität auch wieder ebenso deutlich senken. Wir werden auch in den kommenden Monaten an diesen Gegengewichten zu unseren Aktienpositionen, die, wie oben beschrieben, durchaus großes Potential haben, festhalten. Unser Kurs für die nächsten Monate ist gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber die großen Probleme nicht aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario aber eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unseres Ansatzes unsere Risikobudgets verteidigen und weiter in »sichere Häfen« umschichten.