Halbgares von der Halbinsel

Marktkommentar - Juni 2018

Halbgares von der Halbinsel

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Der Ball rollt. Soeben wurde die FIFA WM angepfiffen, allerdings ohne Italien. Will man verstehen, wie es momentan finanziell, wirtschaftlich und politisch um die Halbinsel bestellt ist, darf man dabei die Rolle des Fußballs nicht vergessen. Dass Italiens Fußballnationalmannschaft die WM in Russland nur als Zuschauer bestreitet, lasten viele Tifosi der Tatsache an, dass zu lange gezögert wurde, die Mannschaft einer Verjüngungskur und grundlegenden Veränderungen zu unterziehen. Und natürlich ist auch die Sparsamkeit der italienischen Torjäger Schuld. Und der verkrustete Verband, genauso wie die regelmäßig von Korruptions- und Wettskandalen erschütterten Proficlubs. Man kann das Ergebnis der italienischen Parlamentswahlen und der Regierungsbildung vielleicht so interpretieren, dass dieser Ruf nach fußballerischer Erneuerung sich mit Wucht seinen Weg mitten in die Politik gebahnt hat. Auch hier wollten die Italienerinnen und Italiener einfach mal etwas Jüngeres, Neues und Selbstbewussteres. Kurzum: Sie wollten ein Regierungsteam, das ihnen wenigstens glaubhaft vorgaukeln würde, dass Italien bald wieder Europameister wird, weil es das Endspiel gegen Brüssel und Berlin gewinnt.

Entsprechend empfindlich reagierten die Märkte, als der neue Regierungschef Conte zu seiner Amtseinführung das Wort ergriff. Und jedes davon wurde an den Renten- und Aktienmärkten auf die Goldwaage gelegt. Parallel zu Contes Ausführungen zur geplanten Flat-Tax, dem Grundeinkommen und dem Mindestlohn, stiegen die Zinsen für italienische Staatsanleihen praktisch in Echtzeit und die Aktien und Anleihen italienischer Unternehmen gaben fast im selben Maß nach. Das Misstrauen der Märkte war allerdings auch schon im Vorfeld geschürt worden, so dass wir in unseren Portfolien erst die eine, dann kurz vor Monatsende die andere Hälfte unserer italienischen Staatsanleihen abgegeben haben und mit einer Handelsposition bis Anfang Juni via Derivaten sogar vom weiteren Zinsanstieg profitieren und unsere Verluste relativ klein halten konnten.

Auch wenn die Politiker Italiens derzeit staatstragend nicht mehr vom Italexit oder von Schuldenerlass sprechen, so hat sich doch einiges drastisch verändert. Italien ist von einer Stütze des Euro zu einer potentiellen Bedrohung geworden. Wie groß diese Bedrohung ist, versuchen die Kapitalmärkte mit ihren Preiskapriolen derzeit zu ergründen. Zum einen ist Italien mit seiner Schuldenlast von 130 % seines Bruttoinlandsprodukts, so hoch verschuldet, dass existierende Krisenmechanismen wie der ESM, der bei Griechenland funktionierte, bei weitem nicht ausreichen würden, um Italien zu retten. Damit hat Italien das Potential zu einem veritablen schwarzen Schwan für die Finanzmärkte. Gleichzeitig ist Italien kein armes Land. Verschiedene Erhebungen belegen, dass das Pro-Kopf-Vermögen der Italiener höher ist als z. B. das der Deutschen. Je nach Rechenart ergeben sich 15.000 bis 80.000 Euro an Mehr-Vermögen. Damit haben die Italiener einiges mehr zu verlieren, als eine Teilnahme an einer Fußballweltmeisterschaft. Das realistischere Szenario ist also, dass Italien mit Zustimmung von Brüssel, Paris und Berlin seinen Haushalt etwas aufblähen darf, um wirtschaftliche Impulse zu geben und den Verbrauch und das Wachstum anzukurbeln. Bei den  aktuellen Zinssätzen, der derzeitigen Verschuldung und dem aktuellen Wachstum hat Italien circa 1–1,5 % seines Bruttoinlandsprodukts an Bewegungsspielraum. Gönnt sich die Regierung Conte zu viel an populistischen Steuergeschenken, werden die Rentenmärkte sehr schnell und klar ihr Votum dagegen aussprechen und Italien von der Finanzierung über die Märkte abschneiden. Wir erleben also gerade live die Rekalibrierung des Italien-Risikos. Die bisherigen Signale des Finanzministers zeigen, dass er sich dieser Mechanik bewusst ist, und das beruhigt die Märkte. Ein Gespann a la Tsipras/Varoufakis hätte schon jetzt die Renditen wieder in die Bereiche von 2012 von circa 5 % getrieben.

Ja, wir leben in einem Bullenmarkt des Populismus. Nach dem Dominostein Italien ist übrigens auch Slowenien umgefallen. Wir haben Trump und seine Strafzölle vor der Brust, die das wirtschaftliche Gegenstück zum gefürchteten »Catenaccio« des italienischen Fußballs sind. Alles keine Zeiten, die zu unkontrollierten Risiken einladen. Wir bleiben, was Italien betrifft, also vorerst an der Seitenauslinie und werden uns dann erst wieder in das Spiel einmischen, wenn wir die italienische (Regierungs-) Mannschaft haben spielen sehen. In der Zwischenzeit entfaltet sich in der amerikanischen Volkswirtschaft, deren Vertreter in Sachen Fußball ebenfalls viel Zeit zum Zuschauen haben, ein starkes Wachstum, von dem insbesondere die inländisch ausgerichteten Unternehmen profitieren.

Daran wollen wir lieber teilhaben, als an der mit Unwägbarkeiten und hohem Risiko versehenen Entwicklung in Italien. Wir spielen also, um im Fußball-Jargon zu bleiben, mit einer gut eingespielten Abwehr, bestehend aus Bundesanleihen, US-Staatsanleihen, Gold und sicheren Währungen, offensiv nach vorne – also mit einer Übergewichtung bei Aktien, insbesondere US-Aktien. Sehen wir Anzeichen dafür, dass wir vom Gegner überrannt werden, werden wir gemäß unserer Risikostrategie die entsprechenden Auswechslungen vornehmen, um zu vermeiden, dass wir das deutsche Halbfinale der letzten WM aus Sicht der Brasilianer erleben müssen.