»Auto« – motivierte Strafzölle oder doch mehr?

Marktkommentar - Juli 2018

»Auto« – motivierte Strafzölle oder doch mehr?

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Auch wenn der Handelsstreit zwischen den USA auf der einen und EU, Kanada und China auf der anderen Seite noch nicht zu einem Handelskrieg eskaliert ist, kommen die Einschläge in den jeweiligen Ländern immer näher. Die zum 1. Juni 2018 verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus Europa und China waren dabei leider nur ein Vorspiel. US-Präsident Trump will nun noch deutlicher den Schlagbaum vor Chinas nationalem Geschäftsmodell fallen lassen. Die USA haben zum 6. Juli 2018 erneut zum Angriff geblasen – diesmal auf die »China-Liste«, ein Verzeichnis mit über 1.000 chinesischen Technologieprodukten.

Als Gegenmaßnahme zum »erzwungenen Technologietransfer und dem Diebstahl geistigen Eigentums« seitens China werden Erzeugnisse aus dem Flugzeug-, Roboter- und Maschinenbau im Wert von rund 34 Milliarden US-Dollar ab dem 6. Juli 2018 und sukzessive wahrscheinlich bis in den Herbst 2018 mit Strafzöllen in Höhe von 25 % belegt werden – ironischerweise passend zu Pekings Wirtschaftsplan »Made in China 2025«.

China reagierte prompt und »spiegelbildlich« und verkündete seinerseits das Verhängen von Strafzöllen auf US-Sojabohnen, Fleisch und Fahrzeuge im ähnlichen Gesamtwert. Hierbei geht es aber um mehr als ein Handelsdefizit. Es geht um langfristige hegemoniale Ansprüche, die China in der pazifischen Region und global verfolgt und die den amerikanischen (und eventuell auch unseren langfristigen) Interessen zuwiderlaufen. Wir können also nicht annehmen, dass Trump ohne das Entgegenkommen Pekings von weiteren Runden der Eskalationsspirale absieht. Mehr noch, wir sollten eher erwarten, dass die USA den weitreichenderen Konflikt suchen, um die westliche technologische und militärische Überlegenheit zu erhalten. Damit würden knapp 20 Jahre der wirtschaftlichen Annäherung ein Ende finden.

Europa ist bei der Auseinandersetzung ein Nebenkriegsschauplatz, der noch am ehesten im offiziellen Kontext eines Handelsdefizits und dessen angeblicher »Unfairness« zu sehen ist. Das jüngste, vom schillernden neuen Botschafter der USA in Berlin überbrachte 0 %-Zölle-Angebot erweist sich bei näherem Hinsehen als vergifteter Kelch. Während den deutschen Autoherstellern die Zollfreiheit recht wäre, sehen die französischen Autohersteller das etwas anders, da ihre Stärke eher im Qualitätssegment liegt, in dem auch die Amerikaner unterwegs sind. Das chronisch uneinige Europa wird von Trump als schwach eingestuft und soll noch weiter geschwächt werden. Zudem würden WTO-Regeln erfordern, dass die EU die Autozölle gegenüber anderen Produzenten, z. B. aus Fernost, ebenfalls auf Null setzt. Divide et impera – teile und herrsche ist hier das Motto. Europas Einheit schwächen und die WTO-Ordnung untergraben. Kein schlechter Schachzug, Herr Trump.

Mit jedem Monat, in dem die Handelsauseinandersetzungen andauern und eher schlimmer werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dies nicht nur in den Märkten, sondern auch in der Realwirtschaft echte Spuren hinterlässt. Wenn ein Unternehmen wie Volkswagen einen Umbau seiner Produktions- und Lieferketten angehen muss, werden die Gewinne, die man vorher bei der Internationalisierung gemacht hat, wieder wegfallen. Davon ist nicht nur die globale Autoindustrie betroffen, sondern auch andere Industriezweige. Von den befürchteten Folgen für den
Welthandel kann auch der Kurs eines bekannten deutschen Logistik-Unternehmens ein Lied singen.

Wir müssen also davon ausgehen, dass es im Verlauf des dritten Quartals, zumindest was die Stimmung und die Investitionsneigung angeht, eher schlechter wird als besser. Einen großen Teil sehen wir schon in den Kursen reflektiert, aber insgesamt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handelskrieg echte und weithin spürbare Effekte haben kann. Wir haben daher im letzten Monat unsere Quote bei Aktien auf knapp oberhalb »Neutral« gesenkt, auch um abzuwarten, wie der Markt die gewachsenen Risiken kalibriert. Bei den zum Monatsanfang einlaufenden volkswirtschaftlichen Daten sehen wir sowohl in Japan als auch in Europa Entwicklungen zur weiteren Wachstumsstabilisierung.

In den nächsten Wochen werden zudem die Quartalsberichte der Unternehmen Auskunft über die Gewinne des ersten Halbjahres und den Ausblick für den Rest des Jahres geben. Sollten weitere Zölle kommen, werden wir den Test einer unserer Thesen aus den letzten Monaten erleben, nämlich, ob Trump Gesprächsbereitschaft signalisiert oder zurückrudert, wenn die Aktienmärkte einknicken. Wo die Schwelle oder – technisch gesprochen – der Strike-Price des Trump-Puts liegt, wird sich dann zeigen. Wir haben unsere internen Marken scharf geschaltet und werden im Falle eines Falles entsprechend reagieren.

Unser Kurs für die nächsten Monate bleibt weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber weder den Handelskrieg noch Italien aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten.