Finanzielle Bildung tut not

Standpunkt - Juli 2017

Finanzielle Bildung tut not

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank


Im herannahenden Bundestagswahlkampf nimmt das Thema Bildung vielfach eine prominente Stellung ein. Gerade ein rohstoffarmes Land wie Deutschland wird seine Zukunftsfähigkeit vor allem durch gut ausgebildete Menschen sichern können. Oder wie es neulich Wolfgang Bosbach auf unserem Casteller Vermögensverwalter Colloquium sinngemäß formulierte: »Was man nicht im Boden hat, muss man in der Birne haben.«

Soweit besteht ein recht breiter Konsens. Der Gegenstand der notwendigen Bildung wird jedoch sehr unterschiedlich definiert. Das Spektrum reicht vom humanistischen Bildungsideal für das Land der Dichter und Denker bis zum technischennaturwissenschaftlichen Bildungsfokus für das Land der Ingenieure. Die Bildung in finanziellen und wirtschaftlichen Fragen wird – abseits der Wirtschaft selbst – eher mit spitzen Fingern angefasst, so der Eindruck.

Im Land der Dichter und Denker oder alternativ der Ingenieure gilt wohl weiterhin die Beschäftigung mit finanziellen Fragen als Disziplin zweiter Klasse. So hat Deutschland zum wiederholten Mal nicht an der PISA-Erhebung zur finanziellen Allgemeinbildung der Schüler teilgenommen. Auch zeigt eine jüngst in der FAZ veröffentlichte Studie, dass 80 % der Bundesbürger nicht mit ihren Kindern über finanzielle Fragen diskutieren. Gleichzeitig wünschen aber 67 % der Schüler ein Schulfach Wirtschaft. Recht haben sie!

Eigenverantwortliche reife Entscheidungen setzen ein entsprechendes Fundament an Wissen voraus. Insbesondere auch mit Blick auf finanzielle Entscheidungen brauchen wir mündige Bürger; gerade in Zeiten, in denen private Vorsorge zunehmend notwendig ist und die Geldanlage im Negativzinsumfeld eben nicht trivial mit Verweis auf das Sparbuch einen Erledigungsvermerk erfahren kann.

Finanzbildung gehört in den Kanon der grundlegenden schulischen Ausbildung. Nur dann können wir auch in diesen Fragen mündige und reife Bürger erwarten. Und ganz nebenbei ist dies die beste Art des Verbraucherschutzes!

Diese Forderung nach Wirtschaft und Finanzen in den Schulen muss Teil eines kompletten Paketes einer Bildungsoffensive für Deutschland sein. Und wer immer noch befürchtet, dass dies dem Land der Dichter und Denker nicht würdig sein könnte, der sei an Goethe erinnert, der ein nicht ganz unerfolgreicher Finanzminister, Ökonom und Geschäftsmann war. Diese Spuren lassen sich bis in den »Faust« verfolgen.