Der September-Mythos

Standpunkt - September 2017

Der September-Mythos

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Eine alte Börsenregel rät zum Verkauf von Aktien im Mai und zur Wiederanlage im September. Die Auswertungen verschiedener Zeiträume und Börsenindizes legen in der Tat diesen Schluss nahe, denn in einer ex-post Betrachtung zeigt sich der September als der schlechteste Börsenmonat, wobei er in der überwiegenden Zahl der Jahresscheiben in der Regel sogar negative Renditen aufweist. Diese Rückgänge bieten dann – folgt man der Börsenregel – die Chance zum (vermeintlich) günstigeren Wiedereinstieg im September.

Allerdings basieren diese Überlegungen auf einer rein technisch-statistischen Betrachtung. Hinzu kommt, dass wir es mit Vergangenheitsdaten zu tun haben. Ein Blick durch den rein statistischen Schleier auf die fundamentale Entwicklung ist daher nützlich. Das weltwirtschaftliche Wachstum kommt derzeit solide und synchron voran, die Prognosen werden eher erhöht als gesenkt, die 4 % Marke im realen Wachstum der Weltwirtschaft  wird als realistisch eingestuft.

Dabei kommen auch wieder signifikante Wachstumsbeiträge aus Europa. Neben geopolitischen Krisenherden (zum Beispiel Nord-Korea) scheint die größte Gefahr daher von
der Notenbankseite zu drohen. Eine straffere Geldpolitik in den USA und eine deutlichere, abruptere »Zinswende« (im Sinne des Ausstiegs aus den Anleihekäufen) in Europa werden hier als Risiken diskutiert.

Der (zu?) starke Euro deutet darauf hin, dass das letztgenannte Risiko als deutlich wahrscheinlicher eingeschätzt wird als das erstgenannte. Der starke Euro trägt aber auch zu einer tendenziell geringeren Inflationsrate bei, was eine Abkehr von der lockeren Geldpolitik in Europa erschweren dürfte.

Die Entscheidungen und die Kommunikation der Notenbanken werden also bei zu erwartender weiterer sukzessiver Wachstumsstärkung einen großen Einfluss auf die Börsenentwicklung haben. Beide Notenbanken halten im September Sitzungen ab. Daher ist es klug, den September auch unter diesem Blickwinkel zu betrachten als unter seinen rein statistischen Ergebnissen.