Wird 2017 das Jahr des Wiedererstarkens Europas?

Standpunkt - November 2017

Wird 2017 das Jahr des Wiedererstarkens Europas?

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Zu Beginn dieses Jahres haben wir die Sorgen um die Renationalisierungstendenzen in Europa und deren politische und ökonomische Folgen thematisiert. Die aktuelle Diskussion um die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien sollte aber nicht den Blick davor verstellen, dass rückblickend 2017 in Summe ein vielversprechendes Jahr für Europa gewesen sein könnte. Insbesondere der Sieg des proeuropäischen Kandidaten Emmanuel Macron war ein wesentlicher Meilenstein.

Seine am 26. September an der Sorbonne in einer Grundsatzrede vorgestellte »Initiative für Europa« beinhaltet sicherlich einige Aspekte, wie zum Beispiel die Verlagerung von länderhoheitlichen Haushaltsrechten auf Europa, die intensiv zu hinterfragen sind. Dennoch bietet dieses Grundsatzprogramm eine Basis für die dringend notwendige vertiefte Diskussion über eine attraktive Zukunft der europäischen Idee. Auf den Gipfeln hat diese Diskussion bereits begonnen, mit einer abgeschlossenen Regierungsbildung in Deutschland dürfte sie intensiviert werden. Sie ist notwendig, um gerade für die Euro-Zone weitere strukturelle Maßnahmen in Gang zu setzen. Nur dann kann einer erneuten Euro-Krise, wie wir sie ab 2011 als Staatsfinanzkrise erlebt haben, vorgebeugt werden. Zudem sollten die Bürger Europas intensiver eingebunden werden, um europakritischen Tendenzen entgegenzuwirken.

Auch der wirtschaftliche Wachstumspfad zeigte 2017 einen positiven Trend. So erwarten die Experten der Europäischen Zentralbank für das Gesamtjahr 2017 ein reales Wachstum des BIP für die Euro-Zone von 2,2 %. Dies ist der höchste Wert seit Krisenbeginn. Sicherlich hilft hier – wie auch den Kapitalmärkten – die weiterhin akkommodierende Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Diese positive wirtschaftliche Entwicklung führt auch zur Stabilisierung der Staatsfinanzen. Portugal mit seinen positiven Ratingveränderungen ist ein sehr eindrückliches Beispiel hierfür.

Für Politik und Wirtschaft gilt jedoch gleichermaßen, dass die ermutigenden Entwicklungen des Jahres 2017 nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass dies die ersten merklichen Schritte eines Wiedererstarkens Europas sind. Politische Entscheidungen auf europäischer Ebene stehen noch aus, und das offene Ende der Brexitverhandlungen ist ein Risikofaktor. Ebenso ist das erfreuliche Wirtschaftswachstum noch nicht lang anhaltend und stark genug, um überall in Europa die Sockelarbeitslosigkeit anzugehen. Entsprechend sind auch die Inflationsraten noch nicht nahe 2,0 %, so dass auch die Rückkehr zu einer normalisierten Geldpolitik noch einige Zeit dauern dürfte.

2017 macht also in wesentlichen Aspekte Mut für Europa. Gleichermaßen bedarf es allerdings weiterer Schritte zum endgültigen Verlassen der Krise und zum Wiedererstarken der Euro-Zone.