Nichts im Übermaß

Standpunkt - Februar 2018

Nichts im Übermaß

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Der Jahresstart an den Kapitalmärkten war vielversprechend. Viele Börsenbarometer konnten per Ende Januar neue Allzeithochs erreichen, auch in Deutschland und Europa. Getragen war diese Entwicklung von einem guten, fast idealen volkswirtschaftlichen Umfeld: Ein globales, synchrones Wachstum bei einer akkommodierenden, planbaren Geldpolitik der Notenbanken. Im Durchschnitt gute Unternehmenszahlen sowie großflächige M&A-Aktivitäten waren weitere Katalysatoren dieser erfreulichen Börsenentwicklung. Auch die Anleger in unseren vermögensverwaltenden Angeboten partizipierten merklich von dieser Entwicklung. Wir wollen kein Wasser in den Wein schütten. Im Sinne eines proaktiven Risikomanagements ist es jedoch unsere Aufgabe, mögliche Risiken dieser an sich erfreulichen Konstellation nicht aus dem Blick zu verlieren.

Quo usque tandem? – wie lange noch, kann man sich schon fragen. Denn das deutsche Börsenbarometer nähert sich Ständen, die einer Vervierfachung (!) seit den Tiefständen vor knapp 10 Jahren nahekommen.

Wo lauern also die Risiken? Neben den geopolitischen Risiken (Stichworte Nordkorea, Iran) könnte eine Überhitzung der Konjunktur zu Überraschungen bei der Inflation führen. Dann sähen sich die Notenbanken gegebenenfalls gezwungen, ihren vorsichtigen und planbaren Pfad der Rückkehr zu einer »normalisierten« Geldpolitik aufzugeben. Dies würde viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischen. Über Erschütterungen am Rentenmarkt würde sich auch die Attraktivität von Aktien reduzieren; und dies in zwei Wirkungsketten. Höhere Finanzierungskosten führen zu einer stärkeren Relativierung (Abzinsung) der zukünftigen Unternehmensgewinne, so dass Marktwerte und Kurse sinken. Gleichzeitig verschiebt sich bei einem deutlich höheren Zinsniveau die relative Attraktivität zwischen Aktien und Anleihen. Von diesen Effekten in besonderem Maße betroffen sein könnten dann wieder einmal die Emerging Markets. Ihre Abhängigkeit von US-Dollar Kapitalimporten wird zum Bumerang: Finanzierungskosten steigen und Gelder werden abgezogen. So lässt sich die sogenannte »Repatriierung« von Kapital aus den Emerging Markets in die USA vor allem in Zeiten von Kapitalmarktturbulenzen beobachten.

Alle diese Risikofaktoren beobachten wir intensiv, glauben derzeit jedoch nicht, dass sie in naher Frist schlagend werden. Vielmehr kann kurzfristig eine Gefahr von der Übertreibung in den Kapitalmärkten selbst herrühren. Eine weiter beschleunigte, sehr dynamische Aufwärtsbewegung könnte bis zum Sommer (oder gar früher) zu Aktienmarktniveaus führen, die der fundamentalen Entwicklung enteilt sind. Dies birgt dann ein enormes Rückschlagpotenzial, denn auch am Kapitalmarkt gilt die Weisheit des Orakels von Delphi: »Nichts im Übermaß«. Solch ein »Überschießen« der Kurse ist nicht untypisch, wenn insbesondere auch benchmarkorientierte Investoren auf den »fahrenden Zug steigender Kurse« aufspringen. Die Gegenbewegung fällt dann oft sehr deutlich aus, manchmal auch überdeutlich, bevor sich ein neues Gleichgewicht etabliert. In der Fachsprache spricht man dann von »mean reversion«.

Vor diesem Hintergrund kombinieren wir die Vereinnahmung von Aktienmarktgewinnen (wie zu Beginn des Jahres) mit einer besonderen Beobachtung dieser Entwicklung. In jedem Fall gilt: Aktives Risikomanagement gewinnt mit zunehmender positiver Entwicklung an Gewicht.