Wieder erstarkt – das Comeback Europas

Standpunkt - Juni 2018

Wieder erstarkt – das Comeback Europas

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Eine Dekade ist seit Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise vergangen. Europa hat vielleicht am meisten darunter gelitten. Die politisch unvollendete Währungsunion offenbarte ihre Achillesferse, und eine Europa-Skepsis machte sich in vielen Ländern bemerkbar, politisch geschürt von rückwärtsgewandten, nationalistischen Populisten. Die Brexit-Entscheidung markierte den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung.

Die »Whatever it takes«-Politik der EZB konnte das Schlimmste verhindern – glücklicherweise.

Und das Blatt beginnt sich zu wenden. Wir sind positiv für Europa und seine Wirtschaft gestimmt.

Erstens zeigen jüngste Umfragen, gerade auch in Deutschland, wieder eine stärkere Hinwendung der Bevölkerung zu Europa. Der Brexit und die globalen – auch sicherheitspolitischen – Verwerfungen scheinen doch viele wachgerüttelt zu haben.

Zweitens kehrt in der Breite der europäischen Staaten wirtschaftliche Wachstumsdynamik zurück. Aktienmärkte reflektieren dies ebenso wie die Spread-Entwicklung der Staatsanleihen. Und eine weitere Stärkung des Dollars auf sein faires Niveau wird das exportstarke Europa weiter beflügeln, auch wenn neue Zölle verhandelt werden sollten.

Mit der Präsidentschaftswahl in Frankreich steht drittens die »deutsch-französische Achse«. Sie war und ist seit jeher der Katalysator für eine stärkere und bessere europäische Integration. Gerade hat die Kanzlerin auf die Vorschläge des französischen Präsidenten reagiert, und es zeichnet sich eine Einigung für die Vollendung der Kapitalmarktunion, den Umbau des ESM nach IWF-Vorbild und staatliche Investitionen in Infrastruktur und Technologie ab.

Schließlich wird die EZB klug genug sein und einen homöopathischen und kommunikativ gut begleiteten Pfad der Normalisierung der Zinspolitik beschreiten. Jedoch zeigen die aktuelle Italienkrise als auch die anhaltende Debatte um Schutzzölle, dass positive Tendenzen immer wieder anfällig für Rückschläge sein können. Umso mehr gilt: Wenn nicht jetzt, wann dann legen Deutschland und Frankreich ihr sich abzeichnendes Reformpaket zur Stärkung der EURO-Zone vor. Denn nur so kann die Last einer möglichen Krisenbewältigung auf mehrere Schultern verteilt werden und lastet nicht allein auf der EZB.

Wenngleich wir die negativen Reaktionen des Kapitalmarktes bezüglich der politischen Krise in Italien für überzogen halten und »Untergangspropheten« gerne an ihre Verantwortung erinnern wollen, mag es auch konjunkturelle Krisen geben, die ein beherztes Eingreifen der europäischen Institutionen verlangen.

Vielleicht ist die Italienkrise ja der Katalysator, den es für eine bessere und tiefere Integration braucht. Gelingt dies, dann könnten es alles in allem gute Jahre für Europa werden!