Per aspera ad astra? Oder: Was für einen Turnaround Europas spricht

Standpunkt - Juli 2018

Per aspera ad astra? Oder: Was für einen Turnaround Europas spricht

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Europa scheint über die letzten zehn Jahre in einem dauerhaften Krisenmodus zu sein: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Griechenlandkrise, Brexit-Votum, Flüchtlingskrise und zuletzt die Italienkrise und der drohende Handelskrieg mit den USA.

Immer wieder hinterlassen diese Krisen auch Schleifspuren in der Wirtschaft, wie am zuletzt gesunkenen IFO-Indikator sichtbar. Und doch lassen sich fünf Gründe für ein wieder anziehendes Wirtschaftswachstum in Europa aufzeigen.

1. Europa braucht Krisen, um sich weiterzuentwickeln: Schon die Grundidee eines stärker integrierten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ist in einem solchen Szenario erwachsen, die Einführung der Euro-Zone wurde zumindest durch die Frage der deutschen Wiedervereinigung beschleunigt, und die aktuellen deutsch-französischen Vorschläge zur Vertiefung der Euro-Zone sind eine späte, aber bedeutende Antwort auf die Staatsschuldenkrise.

2. Krisenstaaten haben Turnaround geschafft: Irland und Portugal sind Erfolgsmodelle einer gelungenen »Staats«-Restrukturierung. Spanien, Italien und Griechenland zeigen ermunternde Entwicklungen bei Wachstum und Beschäftigung. Ja, die Prozesse sind mühsam, dauern lange und werden durch politische Störfeuer manchmal gebremst, aber: Wäre es besser, durch einfache Währungsabwertung die Länder kurzfristig wettbewerbsfähiger, aber langfristig strukturell ärmer und »schlechter« zu machen?

3. Geldpolitik bleibt akkommodierend: Der Ausstieg aus dem QE-Programm, also den Anleihenkäufen der Notenbank, wird ersetzt durch eine Verankerung der kurzfristigen und wohl auch bald langfristigen Zinsen in der Euro-Zone, so die klare Rhetorik der Notenbank. Schlecht für Sparer und Banken, aber gut für Investoren und Unternehmen.

4. Das exportorientierte Europa profitiert vom weltweiten synchronen Wachstum: Für 2018 und 2019 liegen die globalen Wachstumsschätzungen bei etwa 3,5 %. Gerade die USA zeigt sich als wachstumsstark; dies dürfte den Dollar beflügeln, was wiederum europäischen Exporteuren zugutekommt. Die Verflachung der Zinskurve wird zwar als Vorbote möglicher rezessiver Tendenzen gesehen, entscheidender dürfte allerdings der Ausblick der US-Unternehmen im Rahmen der anstehenden Q2-Berichterstattung sein.

5. Bewertung von Aktien und (Staats-)Anleihen in Europa eher noch günstiger: Die US-amerikanische Wirtschaft hat etwa drei Jahre Vorlauf in der Bewältigung der globalen Finanzkrise vor Europa, nicht nur wegen der früher einsetzenden massiven Unterstützung durch die Notenbank, sondern auch weil die Staatsschuldenkrise ab 2011 Europa in besonderer Weise getroffen hat; folglich liegt die Bewertung US-amerikanischer Unternehmen schon über der von 2006; Europa ist noch günstiger, wenn auch nicht billig bewertet. Die Verankerung kurz- und langfristig recht niedriger Zinsen durch die europäische Zentralbank sollte auch Raum für kurzfristig steigende Anleihenkurse schaffen.

Diese fünf Gründe für eine weitere Erholung der europäischen Märkte dürfen ihre volle Wirkungskraft entfalten, wenn sich Lösungen für den Handelskonflikt abzeichnen sowie politische Entscheidungen zur Stabilisierung der Euro-Zone umgesetzt werden. Auch gilt es, den italienischen Haushaltsentwurf im September im Auge zu behalten.

Alle diese Fakten werden wir sorgfältig beobachten, um für Sie rechtzeitig von einer möglichen Übergewichtung Europas in unserer Vermögensverwaltung zu profitieren.