Der Tur-Tur-Effekt - Von Scheinriesen und Anlagealternativen

Marktkommentar - April 2015

Der Tur-Tur-Effekt - Von Scheinriesen und Anlagealternativen

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Der DAX steht bei 12.000 Punkten und pendelt nach einer geradezu atemberaubenden Reise von 2.200 Punkten in diesem Kalenderjahr im Bereich zwischen 11.600 und 12.200 Punkten. Kann und soll man bei solchen Kursen überhaupt noch Aktien kaufen? Zur Beantwortung der Frage gibt es zwei Herangehensweisen.

Erstens: Wir analysieren den DAX und den durch die schiere Größe beeindruckenden Indexstand. In Anlehnung an die tragische Gestalt des Herrn Tur Tur aus Michael Endes Geschichte „Jim Knopf und die wilde 13“ möchte ich den Effekt den Tur-Tur-Effekt nennen. Herr Tur Tur ist ein Scheinriese — aus der Entfernung betrachtet ist er riesig und damit furchteinflößend, aus der Nähe jedoch ist er normal groß. Mit dem deutschen Aktienmarkt verhält es sich analog: Wer noch nicht oder zu wenig investiert ist, ist von der Anlage „weit entfernt“ und hält daher wegen der furchteinflößend riesigen Indexstände weiter Abstand. Wer investiert ist oder sich mit dem Aktienmarkt näher befasst, stellt fest, dass der Aktienmarkt in seinem Normalzustand ist. Die Bewertungen liegen am langfristigen Durchschnitt; auch zyklisch adjustierte Kennziffern befinden sich im Bereich einer fairen Bewertung. Der DAX ist also ein typischer Scheinriese. Vielleicht fühlen sich deswegen Aktien in den Depots deutscher Anleger ähnlich einsam, wie Herr Tur Tur in der literarischen Vorlage.

Die zweite Herangehensweise stellt die Frage nach der Anlage-Alternative. Wenn ich nicht in Aktien investieren kann, sollte ich dann festverzinsliche Papiere kaufen? Zu den ureigenen Problemen dieser Anlageklasse habe ich im letzten Monat einige Gedanken niedergeschrieben. Wenn wir Aktien und Renten miteinander vergleichen, nutzen wir gerne für einen ersten Blick die Differenz zwischen der realen Verzinsung von zum Beispiel Staatsanleihen und der Dividendenrendite von Aktien. Was sich hier zeigt, ist sehr instruktiv: In den letzten beiden Monaten hat sich, trotz der starken Entwicklung der Aktienmärkte, die Attraktivität der Aktienmärkte relativ zu Rentenanlagen sogar verbessert. Aktien sind also nicht nur relativ zu Staatsanleihen billig, sie sind aufgrund der Entwicklung bei den Zinsen sogar noch relativ billiger geworden.

Entwicklung realer Zins von 10-jährigen Bundesanleihen minus Dividendenrendite DAX

Lassen Sie sich nicht von dem Scheinriesen Aktienmarkt und dem Tur-Tur-Effekt einschüchtern. Die Weltkonjunktur ist robuster im Vergleich zum vergangenen Jahr, die Energiepreise sind günstig, ein schwacher Euro unterstützt die deutschen Exporteure und die Zinsen bleiben bei nahezu Null. Auch wenn Kursrücksetzer jederzeit möglich sind, setzen wir in unseren Vermögensverwaltungen weiter (besonders auch) auf die Entwicklung der europäischen Aktienmärkte.