Chinesische Turbulenzen – Auf den zweiten Blick

Marktkommentar - August 2015

Chinesische Turbulenzen – Auf den zweiten Blick

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Gerade ist nach einem bemerkenswerten Schwenk von Herrn Tsipras, gemäß des Adenauer-Wortes »Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern« an den Kapitalmärkten etwas Ruhe eingetreten, kommen aus China besorgniserregende Nachrichten.

Nach einem märchenhaften Anstieg des für Ausländer nicht investierbaren Inlands-Aktienindex Shenzen um 100 %, erfolgte nach einigen Maßnahmen der Chinesischen Notenbank (People’s Bank of China) ein massiver Kurseinbruch von 40 % zu den Höchstständen in weniger als einem Monat. Zusammen mit schlechteren Wirtschaftsdaten, welche die Wachstumsmöglichkeiten eher beschränkter als die erhofften 7 % erscheinen lassen und mit massiv gefallenen Rohstoffpreisen mischt sich ein Börsen-Cocktail zusammen, der aufgrund der Bedeutung Chinas weit in die Welt hinaus strahlt.

Doch wie sieht die Sache auf den zweiten Blick aus. Ein gerne zitiertes Maß, um die Wirtschaftsleistung eines Landes zu schätzen, sind sogenannte Einkaufsmanagerindizes, wie der IFO-Geschäftsklima Index in Deutschland. Hier werden Einkäufer von Firmen befragt und ihre Meinung zur gegenwärtigen Geschäftslage und ihre Erwartungen für die kommenden Monate eingeholt. In China gibt es zwei solcher Indizes. Der eine wird von offizieller Regierungsseite erhoben und bezieht seine Daten vor allem von großen Unternehmen, während der andere von einer privaten Bank und einem auf Statistiken spezialisierten Privatunternehmen erhoben wird, die auch mittlere und kleine Betriebe in ihre Umfrage einbeziehen. Seit einiger Zeit schrammt der offizielle Index an der Grenze entlang, die Wachstum von einer Schrumpfung der Wirtschaft trennt. Der »private« dagegen signalisiert schon seit einigen Monaten eine leichte Schrumpfung der chinesischen Volkswirtschaft. Stellt man sich auf den Standpunkt des vorsichtigen Kaufmannes, sollte man eher dem privaten Index Glauben schenken.

Da China weltweit nach wie vor circa die Hälfte der wichtigen Industriemetalle abnimmt, wird eine Wachstumsschwäche unweigerlich die Preise einiger Rohstoffe unter Druck setzen. Da zudem die chinesische Notenbank in ihrer Reservepolitik genug Gold gekauft hat und in den letzten Quartalen ihre Bestände deutlich weniger als erwartet aufstockte, trifft ein Überangebot auf eine geringere Nachfrage. Das drückt bei Gold und den anderen Edelmetallen den Preis. Auf dem Weltmarkt für Öl gibt es gleichzeitig ein strukturelles Überangebot, da nunmehr auch der Iran wieder sein Öl auf dem Weltmarkt verkaufen darf. Das Ergebnis nimmt man erfreut bei jedem Tankstellenaufenthalt wahr. Aufgrund der hohen Abhängigkeit der Rohstoffe von China wird in einer unsicheren Situation, wie derzeit gegeben, ein Fallen der Rohstoffpreise verstärkt als Frühindikator für eine Wachstumsschwäche gesehen.

Auf dieses toxische Gemisch von Indikatoren und Rohstoffmärkten stößt nun das Platzen einer Spekulationsblase im inländischen Aktienmarkt Chinas (Shenzen), das mit staatlichen Eingriffen, Aussetzen von Aktiennotierungen für die Mehrheit der Indexmitglieder und massiven Verlusten einhergeht. Also lautet die gängige aktuelle Interpretation, dass chinesische Anleger ihre Aktien abstossen, weil sie den Glauben in die Zukunft einiger Unternehmen verloren haben, da schließlich auch Einkaufsmanagerindizes und Rohstoffe auf eine vermeintlich fatale Schwäche Chinas hindeuten.

Dass ein Aktienmarkt, an dem man das 70-fache dessen für ein Unternehmen zahlen muss, was es verdient, überhitzt ist, haben wir aus den Zeiten des »Neuen Marktes« noch ungut in Erinnerung. Der massive Kursanstieg war zudem weitgehend auf Pump finanziert, was die Anleger bei fallenden Kursen unter Druck setzt und eine Abwärtsspirale in Gang setzte, an deren Ende auch die Banken und Broker, die die Kredite gewährt haben, unter Druck geraten oder in die Pleite gegangen wären. Daher schritt der Staat ein, um ein geregeltes Ablassen der Blase zu gewährleisten und Bankenturbulenzen zu vermeiden.

Alles in allem ein klares Bild für eine in jeder Beziehung ins Trudeln geratene Volkswirtschaft – möchte man meinen. Beleuchtet man aber die einzelnen Komponenten näher, stellt man fest, dass die Sorgen nicht so begründet sind, wie auf den ersten Blick befürchtet.

 

Der wirtschaftliche Frühindikator Einkaufmanagerindex bewegt sich schon seit drei Jahren in einem Seitwärtsband. Jedoch, in all diesen Jahren konnte man Wachstumsraten von 7 % und darüber verbuchen. Weitere Wirtschaftsindikatoren signalisieren bereits ein Erstarken der Wirtschaft Chinas, nach einer kleinen Schwächephase im ersten Quartal.

Der Shenzen Aktienmarkt war massiv überbewertet und eine Korrektur mehr als fällig. Die für Ausländer relevanten »reiferen« Aktienmärkte in Hongkong und Schanghai haben an dieser auf Pump finanzierten Rallye aus Shenzen in weit geringerem Maße teilgenommen, verhielten sich also »normal«. Hier gab es keine ungewöhnliche Übertreibung und hier gibt es auch keinen ausgeprägten Wirtschafts-Pessimismus oder Angst vor einer Rezession.

Zu den Rohstoffen haben wir schon einen Hinweis gegeben. Gold und Edelmetalle werden vom veränderten Notenbankverhalten unter Druck gesetzt; Öl und Energierohstoffe leiden aufgrund des bestehenden Überangebots durch die neue (alte) Fördernation Iran, und der durch den Schiefergasboom vom Abnehmer zum Produzenten gewordenen USA. Industrierohstoffe sind grundsätzlich durch den Umbau von China und anderen Schwellenländern, hin zu einer auch vom Binnenkonsum getriebenen Volkswirtschaft, betroffen. Dort werden »alte« Industrien wie etwa Stahl und Bau durch modernere Industrien wie Autobau und IT ersetzt. Diese Strukturveränderung wird den Rohstoffhunger auf Dauer dämpfen.

Daher haben wir schon im letzten Jahr begonnen, unsere Rohstoffinvestments drastisch zu reduzieren und schließlich ganz abzubauen. Da diese Entwicklungen die Rohstoffproduzenten der Schwellenländer aus Südamerika und Südafrika unter Druck setzen, haben wir zudem in den letzten zwölf Monaten unsere Positionierung in Schwellenländeraktien auch bis auf Null heruntergefahren. Dieser zweite Blick auf die Entwicklungen der Welt hilft uns, die aus der Hüfte geschossene Meinung der Händler auszubalancieren und für die Vermögensverwaltung überlegt einzuschätzen. Wie sie es von uns kennen – immer strikt risikokontrolliert.