Manisch und depressiv - Märkte zwischen Fed und China

Marktkommentar - Oktober 2015

Manisch und depressiv - Märkte zwischen Fed und China

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Das Verhalten der Kapitalmärkte in diesem Jahr kann man durchaus als manisch beschreiben. Es schwankte zwischen »himmelhoch jauchzend« in den ersten vier Monaten und „zu Tode betrübt“ in den folgenden. Waren wir noch im Januar mit Wachstumserwartungen von knapp 1,5 % in Deutschland und 3,2 % in den USA gestartet, so erwarten wir inzwischen für die deutsche Volkswirtschaft zwar stolze 1,8 %, in den USA aber nurmehr 2,4 % Wachstum. Mit den großen Erwartungen für die globale Wachstumslokomotive USA verband man auch
die Hoffnung auf eine Abkehr von der Nullzinspolitik und auf eine Normalisierung, die gewissermaßen einen Abschluss der Finanzkrise darstellen sollte – das Wettrennen zwischen
Verschuldung und Wachstum wäre gewonnen.

Die US-Notenbank hat, unseren Analysen und Erwartungen entsprechend, in ihrer vielbeobachteten Sitzung Mitte September die Zinsen jedoch nicht erhöht. Die Sorgen um die Märkte waren ein Grund, den Fed-Chefin Yellen anführte. Umso erstaunlicher, dass die Turbulenzen im Nachgang eher zunahmen als abnahmen. Die Hauptangst der Marktteilnehmer ist derzeit, dass das US-Wachstum und der Zustand der Weltwirtschaft zu zerbrechlich sind, als dass eine kleine Erhöhung der Zinsen verdaut werden könnte. Anders ausgedrückt bedeutet das: Unsere Volkswirtschaften können nur wachsen, wenn die Zinsen bei Null verbleiben, und das noch für lange Jahre. Und damit sind alle Hoffnungen auf eine Normalisierung gefährdet; das Wettrennen gegen die Verschuldung noch nicht gewonnen.

Dies sind auch für Schwellenländer, die aktuellen Sorgenkinder der Weltwirtschaft, keine guten Nachrichten. Dort stehen wichtige Anpassungen noch bevor. Unternehmen wie auch private und öffentliche Haushalte sind zu hoch verschuldet. Hier hat man die günstigen Bedingungen der letzten Jahre nicht genutzt, um Strukturen für eine prosperierende Zukunft zu schaffen, sondern vornehmlich konsumiert. Die notwendigen Anpassungsprozesse werden von manchen Analysten gar als kommendes Blutbad beschrieben. Auslöser hierfür könnten eine fortgesetzte Wachstumsschwäche Chinas und weitere Kapitalabflüsse aus dem Reich der Mitte sein. Indikatoren wie die fallenden Währungsreserven deuten weiter in diese Richtung.

Angesichts der deutlich größeren Bedeutung der Schwellenländer für das globale Wachstum muss man hoffen, dass sich die Geschichte von 1998 nicht wiederholt. Das erwarten wir nicht, aber selbst eine Wachstumsdelle wird die Erwartungen für das Wachstum in der Welt deutlich beeinflussen.

Vor diesem ökonomischen Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass Unternehmen ihre Rekordgewinne der letzten Jahre abermals übertrumpfen können. Die Kreditmärkte sehen dies ebenso, und die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen niedrigerer Bonität weiten sich bereits deutlich aus.

Bezüglich Aktien sind viele Marktteilnehmer noch latent positiv gestimmt. Angesichts der gerade erst einlaufenden Nachrichten über Produktionsrückgänge der deutschen Wirtschaft im August und Gewinnwarnungen zumindest für das Jahr 2016, wie bei Adobe, müssen wir aber mit einem Anhalten der hohen Volatilität rechnen. Wir können also vorerst nicht mit einer nachhaltigen Besserung der Situation rechnen und werden folgerichtig weiter defensiv agieren, da wir nicht der Auffassung sind, dass das verbliebene Risikobudget in diesen ungewissen Zeiten vollständig investiert sein sollte. Das umsichtige Management der Risiken hat, gerade in diesen Zeiten, höchste Priorität.