Reißt China die Welt in die Rezession?

Marktkommentar - Januar 2016

Reißt China die Welt in die Rezession?

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Kaum hatte das neue Jahr 2016 begonnen, blickten Experten wieder sorgenvoll nach China. Kursverluste von über 7 % an der chinesischen Börse hatten den zuvor bei dieser Marke installierten Automatismus, den Handel auszusetzen, erneut greifen lassen. Der Wandel der chinesischen Volkswirtschaft von einer Ökonomie mit einer starken Abhängigkeit von traditionellen Industrien, wie beispielsweise der Stahl- und Zementproduktion, hin zu einer stärker dienstleistungsorientierten Gesellschaft ist, ohne Frage, nicht ohne Reibungsverluste möglich.

Unsere nüchternen Analysen zeigen, dass die Industrie in China weiterhin kontraktiv ist und sowohl Export- als auch Importzahlen sinken. Dennoch ist das Verbrauchervertrauen stabil und die Konsumzahlen im Dezember zeigen wieder einen Einkaufstrend. Es spricht vieles für die erwartete säkulare Schwächung in diesem gewaltigen Umbauprozess, den die chinesische Regierung mit graduellen Schritten hin zu Marktmechanismen fördert, gleichzeitig aber gegenüber den Kräften des Marktes skeptisch und all zu bereit zur sofortigen Intervention bleibt.

Die Größe der Volkswirtschaft mit einem Bruttoinlandsprodukt von 11 Billionen US-Dollar lässt bei jeder größeren unvorhergesehenen Bewegung den Rest der Welt den Atem anhalten, denn groß sind mittlerweile die weltweiten Abhängigkeiten bei Handel und Finanzen. Dazu kommt, dass die von der Regierung gewünschte und im Fünfjahresplan beschriebene Reduzierung von energieintensiven Industrien für ölproduzierende Länder keine guten Nachrichten bedeuten – zumal in der aktuellen Niedrigpreissituation des Öls.

Und genau hierin liegt der Grund für die Nervosität der Märkte und einem der schlechtesten Jahresauftakte an den globalen Börsen. Die Gefahr, die von einem ökonomischen Politikfehler der chinesischen Notenbank und der Regierung unter Li Keqiang ausgeht, ist in einer Welt, in der die Wachstumslokomotive USA nur wenig Dampf macht und die Notenbanken kaum Munition zum Managen möglicher neuer Probleme und zur Beruhigung der Märkte haben, relativ groß. Eine mögliche Todesspirale der Weltwirtschaft kann über hier bereits erwähnte Ansteckungskanäle in den Schwellenländern, aber auch durch eine ausgeprägte Krise im Energiesektor (Shale Oil, Shale Gas) der USA in Gang gesetzt werden. Dazu muss es aber nicht notwendigerweise kommen. Unser Basisszenario geht zwar auch von einem wenig dynamischen dennoch deutlich positiven Weltwirtschaftswachstum aus, jedoch nicht von einem Absturz. Wir müssen uns vielmehr in der Welt nach der Finanzkrise mit einer neuen Normalität auseinandersetzen, in der das Wachstumspotential der Volkswirtschaften geringer ist als in den vergangenen 30 Jahren. Dafür gibt es viele gute Gründe, vor allem aber den Abbau der globalen Verschuldung, sei sie von Unternehmen, privaten Haushalten oder Staatsregierungen, die Investitionen hemmen und damit Wachstum begrenzen. Aber auch in dieser Welt können Unternehmen Gewinne erzielen und wachsen. Wir erleben eben auch, dass das Internet der Dinge Produktion und Fertigung effizienter macht und neue Werkstoffe, beispielsweise auf Basis von Graphen, Dinge möglich machen werden, die vorher undenkbar erschienen.

Es ist also noch nicht aller Tage Abend – gleichwohl sehen wir die Aussichten in diesem Jahr eher nach oben begrenzt als nach unten. Die Folgerung in unserer Investmentkomitee-Sitzung, die jüngst stattgefunden hat, war, dass wir in dieser Situation erhöhten Risikos untergewichtet sein werden und bei der derzeitigen Faktenlage nur in moderatem Maße Chancen und Risiken wahrnehmen. Auf die Gefahren der Geldanlage und der Börsenschwankungen hat bereits der große britische Ökonom, Mathematiker und Börsenspekulant John Maynard Keynes hingewiesen, indem er feststellte: »Drei Dinge treiben den Menschen zum Wahnsinn. Die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse«. Wir hoffen, dass wir durch unseren risikobewussten Investmentstil zumindest die Gefahren des »Wahnsinns durch Börsenkurse« für unsere Kunden ausschließen können.