Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit

Marktkommentar - Februar 2016

Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Der für die meisten Anleger traumatische Jahresstart im Januar, dem sich der Februar nahtlos anschließt, hat gezeigt, was die Schwankungsbreiten der Märkte aussagen, die mit dem trockenen statistischen Begriff Volatilität oder dem Begriff »Risiko« beschrieben werden.  Sie geben dem Anleger Auskunft darüber wie heftig etwas passiert, wenn etwas passiert. Und genau das erleben wir zum Jahresanfang 2016.

Die Wachstumserwartungen für die USA werden noch nüchterner beurteilt als gegen Jahresende. Die Chinesen werten weiter ihre Währung ab und signalisieren damit ökonomische Schwäche. Der Ölpreis hangelt sich von Tief zu Tief und der Welthandel enttäuscht Monat für Monat. Und die Kapitalmärkte suchen Sicherheit und vermeiden Risiken wo sie können. Die Risikoaufschläge für »Ramschanleihen« sind auf extrem hohen Niveaus und signalisieren bereits eine Rezession.

Ist daher eine globale Rezession unumgänglich? Der Nobelpreisträger Paul Samuelson wies einmal darauf hin, dass Aktienmärkte neun der letzten fünf Rezessionen vorhergesagt haben. Man mag über die scheinbare Unfähigkeit schmunzeln, aber Ökonomen haben keine der letzten Rezessionen vorhergesehen und hatten darüber hinaus sogar Schwierigkeiten festzustellen, dass man sich in einer Rezession befindet. Man sollte also die Marktreaktion weder einfach verwerfen noch als sichere Vorhersage verstehen. Bei Öl erleben wir zum Beispiel ein Über-Angebot und kein Wegbrechen der Nachfrage, was zwar kurzfristig die Ölproduzenten unter Druck setzt, aber langfristig für uns positiv ist. China hat etwas von einer »Black Box« aber auch hier haben die Regierung und die Notenbank noch Munition genug, um das Schlimmste abzuwenden. Und die USA erleben zwar eine Wachstumsabschwächung; diese ist aber als Folge der Finanzkrise schon beinahe erwartet und wird als »new normal« bezeichnet. Die Folgen dieser neuen Normalität, die auch niedrigeres Wachstum für den Rest der Welt verheißen, werden aber erst jetzt in die Märkte eingespeist. Wenn die Welt aber generell langsamer wächst, werden die Unternehmensgewinne ebenso weniger stark wachsen können und Bewertungen müssen angepasst werden. Aus meiner Sicht erleben wir genau das im Augenblick in den Kapitalmärkten und noch keine beginnende Rezession. Wir müssen also damit rechnen, dass ein schnelles Wiedererklimmen alter Höchststände und Bewertungsniveaus etwas länger dauert, als wir alle uns das wünschen.

Aber kein Ausblick ohne »ABER«. Was nicht passieren darf, ist der überraschende Ausfall eines ölexportierendes Landes, wie Dubai, Brasilien oder Indonesien. Oder eine übereifrige Fed, die das US-Wachstum abwürgt oder ein Fehler in China oder eine weitere Europa-Krise mit BrExit, FExit (Finnischer EXIT) oder ähnlichem oder … Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum wir bei der Fürstlich Castell’schen derzeit im besten Fall eine neutrale Gewichtung für angeraten halten, aber aufgrund der stabilen Dynamik des Verfalls tatsächlich deutlich defensiver ausgerichtet sind. Hier halten wir es mit Shakespeare (Falstaff aus Heinrich IV.) und sehen die Vorsicht als die bessere Form der Tapferkeit an. Das hat uns zwar auch nicht davor bewahrt, ein paar Federn zu lassen; den Aderlass, der bei vielen Konkurrenten so schmerzhaft zu verzeichnen war, konnten wir aber definitiv umgehen.

Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder darauf hingewiesen, dass viele konkurrierende Anlagestrategien mittlerweile substanziell höhere Risiken aufweisen, als vor einigen Jahren und im Vergleich zu unserer Anlagestrategie. Man müsse einfach in Aktien investieren, weil Renten keine Rendite und daher keine Zukunft mehr hätten, so heißt es. Und deshalb müsse man die erhöhte Volatilität eben einfach akzeptieren und die Märkte werden es schon richten. Wir sind da dezidiert anderer Ansicht. Zum einen erfordert die Risikosituation an den globalen Waren- und Gütermärkten eben einen dynamischen Umgang mit risikobehafteten Assets und kein »Augen zu und durch«, sonst werden die Einschnitte schnell zu tief und es besteht keine Möglichkeit mehr, zu reagieren, wenn etwas aus unserer »ABER«/Giftschrank- Fraktion überraschend eintreffen sollte. Zum anderen riet eine Erhöhung der Volatilität einem Asset Manager immer an, dass man Risiken begrenzen und reduzieren sollte und nicht umgekehrt. Und so können wir in Ruhe abwarten, bis das Messer »Aktienmärkte« nicht mehr fällt, bevor wir danach greifen.