Wasserentzug in der Zinswüste – EZB mit weiterer Zinssenkung

Marktkommentar - März 2016

Wasserentzug in der Zinswüste – EZB mit weiterer Zinssenkung

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Jetzt ist sie also gekommen, die nächste Zinssenkung der EZB. Banken, die Geld bei der EZB hinterlegen, werden 0,4 % p. a. Zins zahlen müssen, statt diesen zu erhalten. Warum ist diese
geldpolitische Entscheidung in den Türmen der EZB für den Sparer und den Anleger so relevant? Und warum macht die EZB so etwas überhaupt?

Senkt die EZB die Zinsen, so werden über kurz oder lang auch die Zinsen bei den Sparbüchern, Sparbriefen, Festgeldern, etc. fallen. Aber da diese bereits bei oder nahe der Nullverzinsung liegen und wir uns daher schon in einer Zinswüste befinden, müssen sich nun auch die Kleinanleger und Sparbuchinhaber mit dem Gedanken befassen, dass man Zinsen zahlen muss, um Gelder anzulegen. Genau das passiert bereits. Anfang März wurde ein über zwei Jahre laufender Bundesschatzbrief an den Markt gebracht und von den Marktteilnehmern mit einer Rendite von -0,55 % p. a. gekauft. Erst ab Laufzeiten von etwa 8 Jahren erhält man für deutsche Staatsanleihen wieder eine positive Verzinsung.

Bisher trauten sich die Banken nicht, den Sparern über einen negativen Zins Geld abzuverlangen, oder sahen eine solche Vorgehensweise nicht im Einklang ihrer Geschäftspolitik und ihrer Loyalität gegenüber ihren Kunden. Mit jeder Zinssenkung steigt jedoch der Verlust, den die Bank hinnehmen muss, um die so angelegten Gelder für Kunden im Rahmen der Kündigungsfrist kurzfristig verfügbar zu machen.

Wenn die Banken aber dadurch gezielt Verluste erleiden, kommen wir zur zweiten Frage: „Warum macht die EZB so etwas überhaupt?“ Theoretisch betrachtet sollten negative Zinsen die Wirtschaft über verschiedene Wirkungsmechanismen positiv beeinflussen. Sie sollen die Banken dazu bringen mehr Kredite zu vergeben, die Geldbeschaffung für Unternehmen am Kapitalmarkt durch niedrigere Zinsen erleichtern, generell Marktpreise unterstützen und die Stimmung verbessern und – nicht zu vergessen – die Währung schwächen. Doch wir alle wissen: In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis aber sehr wohl. Und so kommt keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Zum einen werden, wie oben beschrieben, die Margen der Banken angegriffen, wenn man den negativen Zins nicht an die Anleger weitergeben will oder kann. Dies führt zu einer sinkenden Profitabilität, auf die die Bank reagieren kann, indem sie bei der Kreditvergabe höhere Zinsen verlangt oder indem sie weniger Einlagen von Kunden einnimmt und ihre Bilanz verkürzt. Aber sowohl höhere Kreditzinsen als auch verkürzte Bilanzen der Bank schaden der Wirtschaft. Eine zweite Nebenwirkung kann darin liegen, dass der Bankkunde (und Unternehmen) mehr Bargeld „unter der Matratze“ oder in einem vielleicht schon vorhandenen Bankschließfach horten, um (Straf-)Zinsen zu vermeiden. Damit verlieren die Banken ihre Rolle als Finanzintermediär, was ebenfalls das Potential zur Kreditvergabe reduziert. Und zum dritten leiden Versicherungen und Pensionsfonds unter extrem niedrigen Zinsen, da sie eher vom Zinsniveau als von dessen Veränderung abhängen. Einen ersten Vorgeschmack haben bereits viele Kunden von privaten Krankenversicherungen erhalten, die mit unerwartet saftigen Beitragserhöhungen konfrontiert wurden. Diese rühren zu einem Teil auch daher, dass die Versicherungen nicht mehr die Renditen in der Geldanlage erzielen können, wie noch vor fünf oder zehn Jahren.

In der Schweiz, Dänemark und Schweden ist man schon länger bei negativen Zinsen angelangt. Immerhin haben sich dort bisher die Nebenwirkungen nicht besonders stark bemerkbar gemacht. Negative Zinsen als quasi Wasserentzug in der Zinswüste haben den Bankgewinnen zwar geschadet, aber sie nicht kollabieren lassen. In Dänemark waren beispielsweise negative Folgen für die Kreditvergabe spürbar, in Schweden dagegen nicht. Für uns in der Eurozone, wo Banken im internationalen Vergleich eher unterkapitalisiert sind, müssen wir jedoch mit einer größeren Portion an Nebenwirkungen rechnen. So stagnierte in der Eurozone die Kreditvergabe im Zeitraum der letzten 12 Monate, was der EZB, die richtigerweise die schwache Kreditvergabe und Investitionsneigung als Hauptproblem erkannt hat, nicht gefallen kann. Wo die negativen Zinsen jedoch Wirkung entfaltet haben, ist auf der Währungsseite. Dort konnte man sehr schön beobachten, wie der Euro nach der letzten Zinssenkung schwächer wurde. Und vielleicht ist dieser Wirkungskanal für exportlastige Schwergewichte wie Deutschland der Wichtigere.

Für die Vermögensverwaltung unseres Hauses bedeuten diese Marktkonstellationen, vom Weg des strikten Risikomanagements nicht abzuweichen und die Chancen, die sich bei sorgfältiger Betrachtung der unterschiedlichen Perspektiven aller Marktteilnehmer ergeben, wahrzunehmen.