Von Notenbanken und Schleifen

Marktkommentar - April 2016

Von Notenbanken und Schleifen

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Nachdem ein dramatisches Quartal zu Ende gegangen ist, macht es Sinn zurückzublicken und zu rekapitulieren, warum was passieren konnte und sich zu fragen, warum und wie es im kommenden Quartal ähnlich oder doch ganz anders kommen könnte.

Die heftigen Kursverluste an den weltweiten Aktienmärkten  in den ersten sieben Wochen des Jahres kann man auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurückführen: Zum ersten bestand die Befürchtung, dass die Volkswirtschaft Chinas in deutlich schlechterem Zustand ist, als offiziell zugegeben. Zum zweiten, dass der dramatisch verfallende Ölpreis anzeigt, dass von Seiten der Schwellenländer oder der G7-Staaten weiteres Ungemach droht, das bisher von manchen Seiten übersehen wurde. Und zum dritten, dass die US-Notenbank Fed, durch die avisierten Zinserhöhungen einen Fehler in der Geldpolitik begeht, der alles noch verschlimmert. Gewürzt wurde dieser Zustand, der durch schwache bis schlechte Wirtschaftsdaten belegt wurde, durch geopolitische Risiken wie Syrien und Terrorismus, aber auch durch politische Risiken wie den mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU (BREXIT) und die Flüchtlingskrise.

Den vielleicht wichtigsten Schlüssel für die kommenden Quartale hält die Fed in Händen. Das liegt an folgenden Wirkmechanismen und Feed-Back-Schleifen: Stimmt die Fed für rasche und substantielle Zinserhöhungen, zum Beispiel für drei Erhöhungen in 2016, beginnen die Zinsen zu steigen, was wiederum den Dollar erstarken lässt. Ein stärkerer Dollar bremst jedoch, ebenso wie ein Zinsanstieg, die Gewinnaussichten der Unternehmen und das Wachstum der Volkswirtschaft. Verlangsamt sich das Wachstum, steigen Löhne weniger, der Inflationsdruck sinkt und die Fed dürfte die Zinsen nicht so schnell erhöhen, wie ursprünglich erwartet, wenn sie die Wirtschaft nicht abwürgen will. Verschiebt die Fed dann ihre Zinserhöhungen in die (ungewisse) Zukunft, fallen die Zinsen, der Dollar wird schwächer, die Gewinn- und Wachstumserwartungen für Unternehmen und die Volkswirtschaft steigen, es entsteht Lohndruck und Inflationserwartungen und die Fed ist plötzlich wieder in der Position, die Zinsen doch etwas schneller zu erhöhen. Prekärer wird diese Feed-Back-Schleife dadurch, dass steigende US-Zinsen zu Repatriierungen von Kapital aus den Schwellenländern führt und deren Wechselkurs, Aktienmärkte und Wachstumsaussichten belastet, was wiederum negative Effekte auf die Umsätze und Gewinne der mittlerweile global agierenden Unternehmen hat. Als „Wildcard“ fungiert der Ölpreis, der mit seinem Absturz und seiner Volatilität noch zusätzlich Verunsicherung schafft. Denn wenn die globale Wirtschaft infolge des starken Dollars und der erhöhten US-Zinsen schwächelt, sinkt die Nachfrage nach Öl und der Preis fällt, was wiederum weitestgehend Schwellenländer trifft.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass zur Jahreswende die Sorge groß war, dass die projektierten vier Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed für 2016 zu viel für das fragile Weltwirtschaftswachstum sein könnten. Es ging die Angst vor einem „Policy Mistake“, einem Fehler in der Geldpolitik, um, der die USA und die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzen könnte. Mittlerweile hat die Fed gezeigt, dass sie pragmatisch und nicht dogmatisch agieren wird, was die Sorge vor dem möglichen Fehler drastisch verringert. Beim Öl hilft jede Woche, in der der Ölpreis einigermaßen stabil bleibt und keine dramatischen Gewinnwarnungen die Welt erschüttern. Denn niedrige Ölpreise sind für die Breite der Wirtschaft gut, weil Rohstoff- und Energiekosten sinken. Und wenn die Angst vor Ansteckungsproblemen aus der erdölverarbeitenden Industrie verschwindet oder grundlos wird, fällt ein negativ verstärkender Effekt der obigen Feed-Back-Schleife weg.

Mit stabileren Daten aus China scheint auch ein Zusammenbruch des Wachstums auf Seiten der Schwellenländer weniger wahrscheinlich. Und so kann sich das zweite Quartal im April und Mai durchaus durch eine generelle Stabilisierung der Wirtschaft und der Kapitalmärkte auszeichnen. Im Juni droht dann, neben einer Sitzung der Fed, die BREXIT-Abstimmung, die bei einem Austritt der Briten ein deutliches Signal gegen weitere Integration und für eine Deglobalisierung ergäbe. Dann stehen die erreichten Gewinne der europäischen Konvergenz und der Globalisierung im Fokus und müssen neu bewertet werden. Für uns bedeutet dies, dass wir für die nächsten Wochen eher eine weitere Normalisierung der Märkte erwarten, bevor die Ereignisse und Märkte wieder volatil werden können. Alles in allem erwarten wir Märkte, in denen wir, gemäß unseres risikobewussten Ansatzes, im besten Fall neutral, aber im Allgemeinen bei Risiken eher untergewichtet sein werden.