Brexit und die Folgen

Marktkommentar - Mai 2016

Brexit und die Folgen

Dr. Achim Hammerschmitt - Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell'schen Bank

Die Briten werden in naher Zukunft zu einem Referendum an die Wahlurnen gehen, das über den Verbleib in der oder den Austritt aus der EU Auskunft geben wird. Wenn ein Gründungsmitglied der EU diese Organisation verlässt, handelt es sich um einen dramatischen Vorgang, der viele Fragen aufwirft und Folgen für die Kapitalmärkte hat.

Doch zuerst wollen wir einen kurzen Blick auf die Briten und ihr Hadern mit der EU, mit dem sie sicherlich nicht alleine sind, werfen. Über geschichtsträchtige Jahrtausende hat die geographische Lage der britischen Insel ihre Einwohner dazu verurteilt sowohl Teil als auch nicht Teil Europas zu sein; was bei den Briten zum Teil dazu geführt hat, dass sie ihr britisch sein dadurch definieren, dass sie nicht europäisch sind. Dies wurde mir in den 80er Jahren vor Augen geführt, als ich zum Studium nach Cambridge aufbrach und mir Freunde das Buch »How to be an alien« schenkten. Dort heißt es im ersten Kapitel treffend »In England everything is the other way round«. So hat England Jahrhunderte damit verbracht anders zu sein und sich so weit es möglich war aus kontinentaleuropäischen Angelegenheiten herauszuhalten, es sei denn sie bedrohten Englands Unabhängigkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah die Welt anders aus, England war nur noch zweitklassige Weltmacht und der Rest Europas, inklusive der gerade besiegten Deutschen, prosperierte in höherem Maße als die Briten. Das bewog die Briten in den 50er Jahren dazu, den europäischen Gedanken zu wagen und der EU als Gründungsmitglied beizutreten. Mit den Jahren und den sozial schmerzhaften Strukturreformen Margaret Thatchers gelang es den Briten aber, wirtschaftlich und mit dem Falklandkrieg 1982 auch geopolitisch, wieder Oberwasser zu gewinnen. Gleichzeitig schritt die Integration, das Zusammenwachsen Europas fort, was die Briten veranlasste sowohl dem Schengen-Abkommen als auch der Währungsunion fern zu bleiben.

Was stört die Briten so sehr, dass man die EU, trotz aller Sonderlocken, nun verlassen will? Zum einen wird angeführt, dass nach einem Austritt aus der EU die Handelsbeziehungen mit Nicht-EU-Staaten einfacher würden, zum anderen, dass die überbordende und teilweise protektionistische Regulierungswut Brüssels die Wettbewerbsfähigkeit der Briten unnötig belaste und zum dritten, dass die unkontrollierte Zuwanderung durch den einheitlichen europäischen Arbeitsmarkt vor allem die Mittel Großbritanniens koste. Diese ökonomischen Argumente sind schwach oder falsch.

Bezüglich des ersten Punktes sind sowohl Schweden als auch Deutschland gute Beispiele von Ländern, die unter der Ägide der EU ihr Handelsaufkommen außerhalb der EU steigern konnten. Tatsächlich würde der Handel mit der EU, der immerhin 45 % aller Exporte Großbritanniens umfasst, schwerer werden. Falls Assoziationsabkommen wie mit der Schweiz oder Norwegen abgeschlossen werden, hätte man zudem das Mitspracherecht aufgegeben und müsste dennoch die Regularien der EU akzeptieren. Weiterhin ist es unwahrscheinlich, dass das 65 Millionen Einwohner zählende Großbritannien alleine ein besseres Handelsabkommen mit zum Beispiel China aushandeln könnte als der 450 Millionen starke Einwohner-Block der EU.

Nun zur Regulierungswut und der Wettbewerbsfähigkeit: Bei Wegfall aller Regulierungen würde Großbritannien zwar circa 33 Milliarden Pfund p.a. sparen, müsste aber für die Möglichkeit, wie die Schweiz Mitglied der EFTA (European Free Trade Agreement) zu bleiben, wieder so viele der gerade losgewordenen Regularien anerkennen und umsetzen, dass erneut Kosten in Höhe von 31,4 Milliarden Pfund entstünden. Ähnlich verhält es sich mit der Angst vor der Einwanderung, hier übrigens eher die Einwanderung von Arbeitssuchenden aus den osteuropäischen neuen Mitgliedsstaaten der EU. Es hat sich gezeigt, dass diese Einwanderer für 22 % des britischen Potentialwachstums der Volkswirtschaft verantwortlich sind und die Einwanderer aus Osteuropa zu einem geringeren Anteil arbeitslos sind als Briten und dem Staat dadurch weniger zur Last fallen.

Ginge es also nach objektiven Argumenten, so müssten die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen. Da die EU aber der Sündenbock für alle problematischen Entwicklungen Englands der Vergangenheit war und noch immer ist (auch wenn sich dahinter Nebenwirkungen von Thatchers Strukturreformen oder Globalisierungseffekte verbergen), hat diese Abstimmung etwas von einer Protestwahl, was den Ausgang schwer prognostizierbar macht. Die ganze Situation scheint sich gut durch eine Textzeile eines Lieds der Band U2 aus dem Jahr 1987 erklären zu lassen: »With or without you. I can’t live – with or without you«.

In jedem Fall sind die Folgen auch für die Kapitalmärkte wesentlich. Ein Brexit brächte die britischen Aktien deutlich unter Druck, was aber angesichts dessen, dass viele Index-Schwergewichte nur unwesentliche Gewinne aus Großbritannien generieren, wieder Anlagechancen darstellen könnte. Daher sind aktuell in unserem Europa-Portfolio britische Aktien untergewichtet und wir würden erst bei einem Verbleib Großbritanniens in der EU über eine Neutralisierung der Positionierung nachdenken. Auch bei den Anleihen sind Folgen zu befürchten: Während die britischen Staatsanleihen bei einem Brexit haussieren dürften, würden Staatsanleihen der Eurozonen-Peripherie unter Druck geraten, da ein Austritt aus der EU einen Präzedenzfall für weitere Länder schaffen und eine engere Banken- und Fiskal-Union in Frage stellen würde. Auch hier haben wir die letzten Wochen und Monate genutzt, um Positionen in der Peripherie abzubauen. Die nachhaltigsten Folgen wären jedoch bei den Wechselkursen zu spüren. Das Pfund musste bereits im laufenden Jahr einen Blutzoll bezahlen und wertete gegen den Euro um 8 % ab. Hier haben wir bereits frühzeitig reagiert und Teile unserer offenen Währungspositionen gesichert. Auch der Euro und seine Position als Weltreservewährung könnten aus Angst um einen labiler werdenden Euroraum leiden.

Insgesamt haben wir uns bereits gemäß unserer strikten Risikopolitik etwas vorsichtiger positioniert, da wir den Ausgang des Referendums am 23. Juni 2016 für nur schwer prognostizierbar halten und daher unser Pulver trocken halten möchten.