Brexit und was nun?

Marktkommentar - Juli 2016

Nun also doch Brexit. Zu, wie es scheint, ihrem eigenen Erstaunen, haben die Briten für ein Verlassen der EU gestimmt. Die Rädelsführer der Brexit-Kampagne Boris Johnson und der Populist Nigel Farage haben bereits relativ kleinlaut ihre wesentlichen Versprechen zurückgenommen und das Weite gesucht. Die Revolution frisst ihre Kinder. Und aus „Great Britain“ könnte bei einem Austritt Schottlands „Little Britain“ werden.

Manche hegen noch die Hoffnung, dass der Brexit nicht kommt. Wir bei der Fürstlich Castell’schen Bank halten das für extrem unwahrscheinlich. Die Torys¹ haben in ihren Parteistatuten bei der Anberaumung des Referendums explizit die Umsetzung des Volkswillens in ihre Bücher geschrieben, und ein Abweichen würde die Partei spalten und Neuwahlen bedeuten, die diese zwei konservativen Parteien dann verlieren würden.

Für Großbritannien bahnen sich die Folgen bereits an. Aus Gesprächen mit Mittelständlern hören wir, dass Investitionen in britische Töchterfirmen auf Eis gelegt oder, schlimmer noch, an andere Standorte umgeleitet werden. Diese zeitliche oder räumliche Verschiebung bedeutet weniger Gewinne und weniger Wirtschaftswachstum. Für den Jahreswechsel wird daher von der Zunft der Ökonomen mit einer leichten Rezession gerechnet. Insgesamt wird UK 2016 und 2017 bei einer eher pessimistischen Sichtweise zusammengenommen circa        1,5 % bis 3 % an Wachstum einbüßen. Die zweite Zahl, die man für einen „schmutzigen“ Scheidungskrieg ansetzt, wäre für Großbritannien eine Katastrophe. Die Folgen für die Eurozone wären mit Wachstumsreduktionen von 0,7 % bis 2 % aber ebenso beträchtlich. Also haben auch wir etwas zu verlieren.

Am deutlichsten sehen wir die konkreten Folgen in der Währung, die seit dem Referendum bereits 10 % gegenüber dem Euro verloren hat.

Die Immobilienpreise sind im Sturzflug und ein Immobilienfonds nach dem anderen wird geschlossen.

Für viele Kunden mag es erstaunlich sein, dass unsere Fonds am Freitag nach dem Referendum wenig verloren und in der Folgezeit gut abgeschnitten haben. Das lag an zwei Aktionen im Fondsmanagement. Zum einen haben wir schon Anfang Juni 5 % Sicherheiten in Form von Gold und Bundesanleihen aufgebaut, um Gegengewichte zu den erwarteten Marktschwankungen rund um das Referendum zu schaffen und zum anderen haben wir am Tag vor dem Referendum 3 % Aktienrisiken ab- und Sicherheit in US-Staatsanleihen in US-Dollar aufgebaut. Der zweite Schritt war unserer Ansicht nach angemessen, da die Chancen im Falle eines Verbleibs in der EU (BREMAIN), nach den starken Kuranstiegen der vorangegangenen Tage, deutlich kleiner waren als das Rückschlagpotential. Wer genau hinsieht bemerkt, dass wir mit Gold und den US-Staatsanleihen auch die Dollar-Quote erhöht haben, was uns zusätzlich geholfen hat. In der Summe hat sich unsere klare Haltung, bei einer so unklaren und emotionalen Entscheidung nicht in das Wettbüro der Märkte zu gehen und auf BREMAIN (noir) oder BREXIT (rouge) zu setzen, für unsere Anleger ausgezahlt.

Auch wenn sich für europäische Aktien leicht sinkende Gewinne ankündigen, ergeben sich andererseits aus den aktuellen Vorgängen auch Chancen, die wir für die Anlage nutzen möchten. So wird in den USA für 2016 keine Zinserhöhung mehr erwartet. Dies hat sich sehr erfreulich auf unsere Investitionen in US-Staatsanleihen ausgewirkt, aber auch einen profunden Effekt auf Schwellenländer. Ein wichtiger negativer Faktor, der gegen Investments in Schwellenländer sprach, waren die Zinserhöhungen in den USA, die zu einer Repatriierung von Mitteln aus diesen Ländern und zu weniger Investitionszuflüssen führten. Das setzt zum einen konkret die Währung unter Druck und zum anderen wird das Wachstumspotential der Volkswirtschaft reduziert. Dieser wichtige Faktor entfällt nunmehr. Wir bauen daher erste Positionen in Schwellenländern auch in unseren defensiven und ausgewogenen Profilen auf. Im Gesamtportfolio werden wir in dieser politisch und ökonomisch problembeladenen Situation jedoch Aktienrisiken weiter untergewichtet halten.

Und wie Sie es von uns kennen, werden wir dabei neben den möglichen Chancen selbstverständlich auch wachsam das Portfolio-Risiko und die Risikofaktoren im Auge behalten.

¹ Die konservative Partei