Wickie und die »starken Männer« oder der Einfluss von Geo- und Geldpolitik.

Marktkommentar - September 2016

Wer, wie ich, als Kind mit der Zeichentrickserie Wickie aufgewachsen ist, erinnert sich sicherlich daran, wie der kluge und erfinderische, körperlich eher zarte Wickie mit seinen kreativen Ideen die »starken Männer« ausmanövrierte und sein Dorf rettete. »Starke Männer« hatten ausgedient.

In der globalen Politik erleben wir dagegen in den letzten Jahren eine Wiederauferstehung von »starken Männern«. Lange Zeit waren es eher die von Präsident Bush sogenannten Schurkenstaaten wie Nord-Korea oder Irak, die sich den »starken Mann« an der Spitze leisteten und damit quasi automatisch in die dritte und vierte Wachstumsliga zurückkatapultiert wurden. Mit Wladimir Putin, der in seiner Petersburger Zeit als rechte Hand der Perestroika-Symbolfigur Anatoli Sobtschak einst ein »lupenreiner Demokrat« war und sich hin zu einem Autokraten wandelte, sowie Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der USA, zeigt sich, dass die Relevanz von »starken Männern« für Politik und Wirtschaft enorm steigt. Warum erleben wir auch in unserer westlichen Welt eine Renaissance dieses politischen Typus und wodurch zeichnet er sich aus? Gemein haben alle diese »starken Männer«, dass sie den Menschen das Gefühl geben, ganz klar eine Idee davon zu haben, wo es im Land krankt und wie das zu beheben ist – durch die Wahl dieser Person. Zudem muss es Menschen geben, die diesen Persönlichkeiten ihre Wahlstimme geben. Sie wollen offenbar Veränderungen, die ihnen die angestammten politischen Bewegungen und Parteien nicht geben können.

In den USA, aber auch bei uns, ist dies stark mit den Aussichten und Möglichkeiten der Menschen sich Wohlstand zu erarbeiten verknüpft. Die bahnbrechende Arbeit »Das Kapital im 21. Jahrhundert«1 analysiert die Entwicklung von Einkommensungleichheit in den westlichen Staaten. Ein Grund ist demnach, vereinfacht gesagt, die höhere Rendite auf Finanz- gegenüber
Humankapital, die von Wohlhabenden bei der Vermögensbildung bevorzugt wird. Da wohlhabende Menschen relativ gesehen weniger verbrauchen, denn sie können sich ja schon drei warme Mahlzeiten am Tag leisten, sinkt aufgrund der höheren Sparquote das Wachstumspotential und in Folge auch die Produktivität der Volkswirtschaft. In Deutschland haben die Gründerväter mit der sozialen Marktwirtschaft und der Steuerprogression einen Mechanismus geschaffen, der die allzu schnelle Abkopplung von Bevölkerungsgruppen vom Wohlstand zumindest deutlich verzögert. Wenn aber die Mitte der Gesellschaft keine Aufstiegschancen mehr sieht und sich Sorgen um einen sozialen Abstieg machen muss, haben es Populisten und Ideologen leicht.2

Doch zurück zu unseren »starken Männern« und ihrer Politik. Allen gemein ist eine eher nationalistische Grundgesinnung, die mit erhöhten Zöllen liebäugelt und Kontakte mit anderen Wirtschaftsräumen als Gefahr für heimische Arbeitsplätze begreift. Bekommen wir mehr »starke Männer« in Regierungsverantwortung oder gehen die Parolen in den politischen Mainstream über, müssen wir befürchten, dass die Gewinne, die Unternehmen und Volkswirtschaften durch die Öffnung und Liberalisierung von Handel und Dienstleistungen erzielen konnten, wieder in dem Maße verloren gehen, wie sie zurückgedreht werden. Erste Beispiele sieht man in der verstärkten Regulation der Banken, die nicht nur durch die Zinspolitik, sondern durch die veränderten Kapitalisierungsregeln weniger verdienen können als noch in den 90er Jahren. Als Land wird Großbritannien das Experiment von weniger Gemeinschaft und Arbeitsteilung sowie mehr Nationalität ökonomisch ausbaden müssen. Wenn die US-Bevölkerung Trump wählt und er Kernaussagen seines bisherigen Wahlkampfes Realität werden lässt, wird auch die USA langfristig Potential verlieren. Zusammen mit den ökonomischen Folgen der wachsenden Ungleichheit müsste man von deutlich gefallenen Wachstumspotentialen für die größte Volkswirtschaft der Welt ausgehen. Dies wiederum bedeutet auch, dass Zinsen nicht dorthin steigen werden, wo sie früher in einem Zinserhöhungszyklus angehalten wurden. Für Unternehmen wird es in diesem Umfeld schwerer, Renditen zu erwirtschaften. Es wird sich zeigen müssen, wie stark die Behinderungen für Exporte, Handel etc. sein werden. Insgesamt muss man aber vor diesem Umfeld mit Niedrigzinsen sowie niedrigeren Renditen aus dem  Rentensegment und der Aktienwelt der entwickelten Staaten rechnen müssen. Für die Schwellenländer ergibt sich damit die Möglichkeit, relativ aufzuholen und höheres Wachstum auch bei Unternehmensgewinnen zu ermöglichen – mit ein Grund warum wir mittlerweile wieder Positionen in Aktien und Renten von Schwellenländern in unser Portfolio aufgenommen haben. In diesem Fahrwasser sind wir darauf angewiesen, wie unser Held Wickie, immer wieder gute Ideen zu entwickeln und kreativ mit den Gegebenheiten umzugehen.

1 Autor: Piketty, Thomas (französischer Ökonom)
2 Vgl. Schularick, Moritz: Going to Extremes: Politics after Financial Crises, 1870-2014:
  HistorischHistorisch interessant ist, dass die kommunistische Ideologie, die sich für die
  Lösung der Ungleichheitsfrage am prädestiniertesten hält, nicht wirklich zum Zug kommt.