Fernweh und das Ende der Globalisierung.

Marktkommentar - Oktober 2016

Fernweh und das Ende der Globalisierung.

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Die Folgen der im Vormonat beschriebenen globalen Veränderungen zeigen sich diesen Monat wieder in den ökonomischen Veröffentlichungen von Notenbanken und Statistischen Ämtern. In den USA betragen die Wachstumserwartungen gemäß der von der »Federal Reserve Bank of Atlanta«1 (kurz: Atlanta FED genannt) veröffentlichten Schätzung GDPnow für das dritte Quartal gerade noch 0,5 % gegenüber dem Vorquartal (bzw. annualisierte 2,2 %). Damit sinkt die Erwartung für das gesamte Jahr 2016 auf nur noch 1,5–1,6 %. Das ist angesichts der im Januar noch erhofften 2,5 % für 2016 enttäuschend, zeigt aber, dass die letzten Monat beschriebenen Mechanismen bereits Wirkung zeigen. Der globale Handel schrumpft mittlerweile leicht und mancher ruft bereits »Peak Trade« aus, also das größte oder vielleicht sogar maximal erreichbare Handelsvolumen. Dies würde gleichzeitig auch ein Höchstmaß an Globalisierung bedeuten. Vor dem Hintergrund der Anti-Globalisierungs-Politik der »starken Männer« des letzten Monats gewinnt die Idee »Peak Trade« an Bedeutung. Für die geschichtlich Interessierten sei gesagt, dass wir 1929 das letzte Mal ein »Peak Trade« und damit das Ende der Globalisierung 1.0 gesehen haben, das nach dem ersten Weltkrieg begann. Geprägt war diese Zeit von einem Zusammenbruch des Welthandels aufgrund des steigenden Protektionismus, der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen aufgrund von Banken- und Finanzkrisen sowie massiven Währungsabwertungen. Überlegungen und Ideen, die jetzt wieder populär werden, man denke nur an »Britain First«.

Doch ich möchte nicht zu viele negative historische Analogien heranziehen. Mitnehmen sollte man aber durchaus den Gedanken, dass keine schnellen Globalisierungsgewinne mehr
insbesondere in den großen Volkswirtschaften zu erwarten sind und mit der Ankunft von Populismus oder Populisten an der Macht sogar eher De-Globalisierungsverluste eingeplant
werden müssen. Dies hat der gnadenlose Währungsmarkt nach einer UKIP-artigen Rede der konservativen Premierministerin Theresa May eindrucksvoll unter Beweis gestellt und einen sogenannten »Flash-Crash« hingelegt, wobei das Pfund in Sekunden 6 % gegenüber dem Euro verlor. Auch wenn dieser Exzess noch am selben Tag zum größten Teil wieder aufgeholt wurde, war doch die negative Richtung für das Pfund vorbestimmt.

Aber es sieht nicht überall auf der Welt so problematisch aus. Als Portfoliomanager und Anlagestratege beschäftigt man sich von Berufs wegen mit der großen weiten Welt. Urlaubsreisen werden so schnell zu (gefühlten) Roadtrips erklärt, die Anlagemöglichkeiten eruieren können. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die wie der deutsche Philosoph Immanuel Kant nie aus Königsberg und der näheren Umgebung herausgekommen sind und sich doch z. B. über Plätze und Museen in Florenz unterhalten konnten, als wären Sie dort gewesen. Zu welcher Sorte wir gehören, darf der geneigte Leser entscheiden, der Blick in die weite Welt ist jedoch von beiden Seiten wichtig und kann sich gegenseitig ergänzen. Und tatsächlich sehen wir in Ländern aus der zweiten Reihe, unseren Schwellenländern, dass es noch Länder und Regionen gibt, in denen sich die Lage und die Erwartungen verbessern. So zeigen die ökonomischen Frühindikatoren für wichtige Schwellenländer die sich verfestigende Erholung deutlich an.

Die Zweiteilung, in der die entwickelten großen Industriestaaten nur noch schwach und mit wenig Dynamik wachsen und Schwellenländer zu uns aufholen, wird uns strukturell noch lange begleiten. Für uns heißt das als Anleger, dass wir unserem Fernweh frönen und wieder vermehrt in Schwellenländer investieren. So sind wir zum ersten Mal seit mehr als 2 Jahren auf der Aktienseite wieder neutral positioniert, bei den Schwellenländeranleihen in der Hartwährung US-Dollar sogar schon länger übergewichtet. Die aktuelle Lage mit niedrigen Wachstumschancen in den USA und einer FED, die damit nicht so schnell und so stark an der Zinsschraube drehen kann wie in früheren Zinserhöhungszyklen, nimmt die Gefahr einer Wiederholung der Schwellenländer-Krise von 1998 vom Tisch.

Bewertungen sind bei keiner Anlageklasse auf der günstigen Seite und die Liste der Risiken von Wachstumsängsten in den USA aufgrund einer FED-Überreaktion, Trump und die US-Wahl, Italien-Referendum, EZB-Tapering-Diskussion etc. ist lang. Eine Übergewichtung in risikoreichen Assets ist daher nicht angeraten. Ebenso wenig werden wir unsere Position in Gold aufgeben und auf der besonders teuren Rentenseite wie gehabt dynamisch agieren, um Ihr Geld risikobewusst zu verwalten.

1 Der Zweig der US-Notenbank Federal Reserve, der in Atlanta ansässig ist und für die US-Bundesstaaten Alabama, Florida, Georgia und Teile von Louisiana, Mississippi und Tennessee zuständig ist.