Alles bleibt anders

Standpunkt - Februar 2015

Alles bleibt anders

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Schon die ersten Wochen des neuen Jahres haben fundamentale ökonomisch relevante Veränderungen gebracht. Denken wir etwa an den Beschluss der Schweizer Nationalbank zur »Freigabe« des Wechselkurses des Schweizer Franken gegenüber dem Euro. Oder an das von der EZB beschlossene, groß angelegte Kaufprogramm europäischer Staatsanleihen (»Quantitative Easing«), mit welchem der drohenden Deflation im Euroraum begegnet werden soll. Schließlich bleiben wir konfrontiert mit geopolitischen Herausforderungen, etwa der anhaltenden Ukrainekrise – und der dahinter stehenden elementaren Frage des Verhältnisses zwischen der westlichen Welt und Russland. Ganz zu schweigen von der Bedrohung durch den fundamental-islamistisch motivierten Terror, dessen Brutalität in den Anschlägen von Paris einen weiteren Höhepunkt fand. Mit diesen Veränderungen einhergehend sind bemerkenswerte Veränderungen der Marktpreise zu beobachten, wie:

  • die Wechselkursrelationen des Euro zum US-Dollar und Schweizer Franken; hier erscheint eine Relation von 1:1:1 nicht mehr unrealistisch.
  • die massiven Rückgänge des Ölpreises – politisch motivierte Entwicklung oder Vorbote einer sich abkühlenden Weltkonjunktur?
  • die nahezu »zinslose« Welt in Europa, in der sich beispielsweise der deutsche Staat derzeit bei Laufzeiten von bis zu fast fünf Jahren zu einem negativen (!) Zins verschulden kann.
  • die positive Entwicklung insbesondere der europäischen Aktienmärkte mit einem Plus beim deutschen Leitindex von etwa 7 % im Januar.

Wird also alles anders? Sind diese und andere geopolitische und ökonomische Veränderungen sowie die entsprechenden deutlichen Reaktionen der Marktpreise Indikatoren für ein besonders volatiles Jahr 2015?

Wir gehen davon aus, dass wir auch im weiteren Jahresverlauf mit deutlich schwankenden Marktpreisen rechnen müssen, wobei diese Volatilität auch durch positive Überraschungen ausgelöst werden könnte.

So könnte beispielsweise der Dreiklang aus niedrigem Ölpreis, günstigerem Wechselkurs und niedrigem Zinsniveau zu einer positiven Konjunkturüberraschung für Europa führen, getreu dem Motto: Wenn nicht jetzt, wann dann? Die zu erwartenden merklichen Schwankungen der Marktpreise, die im Sinne der Informationseffizienzhypothese immer schneller und genauer neue Informationen reflektieren, sehen wir wie eine oszillierende Bewegung, um eine in Summe relativ robuste weltwirtschaftliche Grundsituation.

Eine solide Wachstumsentwicklung in den USA und auch in China, mit Potenzialen für positive Überraschungen in Europa, aber auch in Japan, sind deren Grundlage. Risikofaktoren sehen wir etwa in der Frage des Zeitpunktes und Ausmaßes von Zinserhöhungen in den USA sowie in der Entwicklung der politischen Landkarte in Europa. Hier stehen nach Griechenland weitere Wahlen in europäischen Ländern zum Jahresende an. Interessant wird hierbei sein, in welchem Ausmaß es zu demokratisch legitimierten Verschiebungen zwischen Konsolidierungs- und Investitionspolitik in diesen Ländern, aber auch in ganz Europa kommen wird.

Das grundsätzlich konstruktive wirtschaftliche (Welt-)Bild spricht jedoch dafür, dass 2015 ein Jahr mit guten Anlagechancen werden kann. Die zu erwartenden Schwankungen lassen es allerdings angeraten scheinen, sich als Anleger nicht auf eine Buy-and-hold-Strategie zu verlassen, sondern auf Basis der wechselnden Szenarien aktive Portfolioentscheidungen zu treffen und damit proaktives Risikomanagement zu betreiben; beides Grundpfeiler unserer Anlagestrategie in der Vermögensverwaltung. Kurz: Alles bleibt anders.