Ist der Euro wirklich schwach?

Standpunkt - März 2015

Ist der Euro wirklich schwach?

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Gerne wurde in der letzten Zeit die Schwäche der europäischen Gemeinschaftswährung publikumswirksam in Schreckensbildern gezeichnet. Untergangspropheten haben mit lauten Farben – andere scheinen wohl in der Informationsflut nicht sichtbar genug zu sein – die Bevölkerung verunsichert. Drohende Szenarien einer galoppierenden Inflation werden an die Wand gemalt, ungeachtet der bislang gegenteiligen Realität eher rückläufiger Inflationsraten im Euro-Raum. Mit dem durch die jüngsten Beschlüsse der EZB zum Quantitative Easing zu beobachtenden Rückgang des Euro-Kurses gegenüber dem Dollar, aber auch anderen Währungen, wurde dann die Argumentation flugs vom inneren Wert auf den äußeren Wert der Währung verlagert: So werde jetzt nicht nur der deutsche Sparer enteignet, sondern ihm auch noch die wohlverdiente USA-Reise unmöglich gemacht, weil nun viel zu teuer, – so eine vielleicht etwas überspitzte Zusammenfassung der proklamierten Effekte.

Wenn wir Entscheidungen zur Vermögensallokation mit dem Ziel des langfristigen Werterhalts treffen, hilft es, die aktuellen Entwicklungen im langfristigen Kontext zu betrachten. Die Grafik zeigt diesen Zusammenhang für den Zeitraum seit der Euro-Einführung am Beispiel des Wechselkurses zwischen Euro und US-Dollar. Man sieht dabei unmittelbar, dass das derzeitige Niveau sich gar nicht außerhalb der historischen Bandbreite bewegt. Mit Werten von 1,12 bis 1,13 liegen wir eher in der Mitte der historischen Extreme von 0,8252 (26. Oktober 2000) und 1,5990 (15. Juli 2008) denn jenseits dieser Punkte.

Sichtbar wird zudem, dass in den sechs bis sieben Jahren seit 2007/2008 eher stärkere Euro-Kurse vorherrschten.

Entwicklung des Wechselkurses Euro versus US-Dollar

Wechselkursen wesensimmanent ist ihre Relativität: Vielleicht lässt sich die relative Stärke des Euro in diesen Jahren eher verstehen als das Resultat der jeweils frühzeitigeren Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank und der darauffolgenden weiteren unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen (Quantitative Easing). Ende 2014 wurde Quantitative Easing in den USA beendet, während es für Europa ab März erst beginnt. Die US-amerikanische Wirtschaft hatte mithin einen zeitlichen Vorlauf in Bezug auf Zinssenkungen, aber auch auf konjunkturelle Erholung. Im Sinne der Zinsparitätentheorie wäre damit die Entwicklung der Wechselkurse in groben Zügen gut erklärbar. So beträgt der Zinsvorsprung der USA bei 2-jährigen Staatsanleihen etwa 0,7 %, bei 10-jährigen gar 1,4 %.

Mit diesem Verständnis sind wir nicht von allzu großer Sorge um die Schwäche des Euro umgetrieben, sondern haben sie durch eine entsprechende Übergewichtung von US-Dollar-Positionen in unseren Kundenportfolios aktiv genutzt.

Einen weiteren Rückgang auf Kurse rund um die Parität zum Dollar halten wir mit Einsetzen und Wirksamwerden der Maßnahmen zum Quantitative Easing für nicht ausgeschlossen, aber im historischen Kontext für keine außergewöhnliche Größe. Gelingt dann – auch durch die Förderung der Exporte mit Hilfe des aktuellen Wechselkurses – die Stärkung der europäischen Konjunktur, so sehen wir eine schrittweise Rückkehr des Eurokurses in Richtung Kaufkraftparität (1,25–1,30).

Dann würden wir zu gegebener Zeit durch entsprechende Reallokationen die Portfolios entsprechend darauf ausrichten.