Zinswende in den USA – Warten auf Godot?

Standpunkt - September 2015

Zinswende in den USA – Warten auf Godot?

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

Seit 1978 finden sich die weltweit führenden Notenbanker einmal pro Jahr in einem Tal der Rocky Mountains mit dem Namen Jackson Hole ein. Ziel ist es, längerfristige Perspektiven der internationalen Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik zu besprechen.

In diesem Jahr erwartete man von diesem Treffen am letzten Augustwochenende zudem eine Indikation über den Zeitpunkt der ersten Leitzinserhöhung in den USA seit 2006 (!). Diese Erwartung wurde jedoch nicht erfüllt. Der Vize-Chef der amerikanischen Notenbank blieb vage. Ob im September oder Dezember, konnte seinen Äußerungen nicht entnommen werden.

Was blieb nun den Kapitalmärkten übrig, als – ähnlich wie die Protagonisten aus Beckett’s Stück »Warten auf Godot« – weiter zu warten.

Allerdings bestehen zwei entscheidende Unterschiede zur literarischen »Vorlage«. Erstens wird eine Leitzinserhöhung weniger als Heilsbringer denn als Bedrohung gesehen, vielleicht fälschlicherweise – aber dazu später mehr. Zweitens führt die Unsicherheit am Kapitalmarkt nicht zu Attentismus, sondern eher zur Verringerung von Risiken seitens der Anleger, das heißt Aktien und andere risikobehaftete Titel werden verkauft.

Die deutlichen Rückgänge der weltweiten Aktiennotierungen in den letzten beiden Augustwochen könnten – wenngleich im Konzert mit dem gestiegenen Wachstumsrisiko in China – so gedeutet werden.

Das Stottern der chinesischen Konjunkturlokomotive bei solidem, aber nicht kapazitätserweiterndem Wachstum in den USA und (noch) sehr moderatem Wachstum in Europa könnte zu einer Revision der globalen Wachstumserwartungen führen. Dies wurde vom IWF Anfang September bereits indiziert.

Aufgrund der international vernetzten Weltwirtschaft hätte dies sicherlich auch Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung in den USA.

Zinserhöhungen, wenn auch moderate mit flachem Expansionspfad über Zeit, bergen in einer solchen Situation Risiken für die Notenbank. Sie könnte bei weiterer Abschwächung der Konjunktur gezwungen sein, diese Zinserhöhung sehr kurzfristig zurückzunehmen. Damit leidet eines der wesentlichen Assets einer Zentralbank – nämlich deren Glaubwürdigkeit.

Aus diesem Grund glauben wir, dass Godot kommt, aber vielleicht lässt er sich ja eine volle Dekade Zeit, und die Leitzinserhöhung findet erst im ersten Halbjahr 2016 statt.

Ist das eine gute Nachricht? Ja und nein; ja, weil ein Niedrigzinsumfeld ceteris paribus weiterhin Unterstützung für die Aktienmärkte und auch die Rentenmärkte bietet, nein, da eine weitere Verschiebung der Leitzinserhöhung möglicherweise Zweifel der Notenbank an der weiteren wirtschaftlichen Dynamik reflektiert.