Real ist, was zählt

Standpunkt - Juni 2016

Real ist, was zählt.

Dr. Sebastian Klein - Vorsitzender des Vorstands der Fürstlich Castell'schen Bank

In der Wirtschaftssprache gibt es, wie in jedem Fachgebiet, viele technische Begriffe. Manchmal entsteht der Eindruck, dass deren Verwendung von den jeweiligen Fachleuten bewusst als Kompetenzbeweis genutzt wird. Ob der Kunde oder Verbraucher damit zurecht kommt, scheint sekundär. Von diesem Vorwurf kann sich auch die Finanzbranche nicht ganz freimachen, bei der die Fachsprache noch durch zahlreiche Anglizismen „bereichert“ wird. Auch die besondere Bedeutung von Veränderungsraten in der ökonomischen Welt erleichtert die Verständlichkeit der Zusammenhänge nicht. Bei diesen Veränderungsraten tritt ein weiteres Problem auf, welches von entscheidender Bedeutung ist: die Unterscheidung zwischen realen und nominalen Größen.

Während beispielsweise Wachstumsraten für das BIP oft als reale Größen angegeben werden, wird bei Verzinsungen oder Renditen regelmäßig mit nominalen Größen operiert. Dabei gilt ein recht einfacher Zusammenhang: Nämlich, dass grosso modo die reale Rendite der nominellen Rendite abzüglich der über die Laufzeit der Anlage erwarteten Inflationsrate entspricht. Je höher also die (erwartete) Inflation, also die Geldentwertung oder die Steigerung der Preise, desto stärker fallen reale und nominale Rendite auseinander.

Im Zusammenhang mit der Analyse der Niedrigzinsphase hat die Bundesbank in ihrem Monatsbericht vom Oktober 2015 die entsprechenden realen Renditen verschiedener Anlagen im Zeitablauf gegenübergestellt. Sie kommt dabei unter anderem zu zwei wesentlichen Ergebnissen. Zum einen scheinen die realen Renditen das Spar- und Anlageverhalten deutscher Privathaushalte seit Beginn der 90er Jahre nur moderat zu beeinflussen. Zum anderen unterlag die reale Rendite von Bankeinlagen im gleichen Zeitraum nur geringen Schwankungen. Sie lag in der Regel unter 1 % und wies in einzelnen Zeiträumen sogar negative Werte auf. Diese negativen Werte sind also nicht neu, sondern auch in Zeiten hoher Nominalzinsen zu beobachten, wenn etwa die Inflation auch entsprechend hoch ist. Besonders ausgeprägt war diese Nullverzinsung Anfang der 90er Jahre nach der Wiedervereinigung, und dies bei historisch hohen Nominalzinsen.

Von den nominellen Renditen dürfen wir uns also nicht täuschen lassen, sonst unterliegen wir der Geldillusion. Entscheidend ist die Rendite nach Inflation, die reale Rendite, denn sie gibt letztlich an, welche Menge an Gütern und Dienstleistungen von dem Vermögenszuwachs erwerbbar sind. Im Englischen ist das »life is after tax« zu einem geflügelten Wort geworden, realer Vermögenserhalt folgt sogar dem Motto: »Life is after tax and inflation.«

In diesem Sinn haben wir auch die mittelfristigen erwarteten Renditen für unsere Vermögensverwaltenden Fonds etwas zurückgenommen, allerdings ohne merkliche Verringerung der realen Renditeerwartungen, da wir für den mittelfristigen Zeitraum von recht niedriger Inflation ausgehen; jedenfalls deutlich geringer als noch vor mehr als 3 Jahren zum Auflagezeitpunkt der Fonds absehbar.