Populismus und andere Irrtümer

Marktkommentar - August 2018

Populismus und andere Irrtümer

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Seit Herbst 2016 habe ich an dieser Stelle immer wieder die Auferstehung der »starken Männer« und den globalen Bullenmarkt des Populismus thematisiert. Wenn man heute auf die Problemfelder der Weltwirtschaft und der Politik blickt, dann sind alle relevanten Felder von Populisten besetzt: Handelskrieg USA-China/Welt: Trump, Italien gegen die EU: Salvini/Di Maio, Türkeikrise: Erdogan, Bürgerkrieg in Syrien und Ukraine: Putin, Brexit: Johnson.

Darüber hinaus gibt es keine echten Probleme, die die Märkte deutlich erschüttern könnten. Ob die US-Notenbank zu langsam oder zu schnell die Zinsen erhöht, ob Bewertungen bei Unternehmen Höchststände erreichen oder ob Zinsaufschläge im Kreditbereich deutlich steigen, zählt alles nicht wirklich. Normalerweise sagt man politischen Börsen kurze Beine nach aber schon seit längerem sitzen alle Marktteilnehmer wie das Kaninchen vor der Schlange. Die Befürchtungen sind klar, es werden drastische Veränderungen bei den Spielregeln des internationalen Miteinanders beobachtet, nämlich eine Verrohung, und folglich werden auch Veränderungen für die Märkte und deren Funktionalität befürchtet.

Einen ersten Vorgeschmack haben die Märkte im Extrem bei der Türkeikrise erlebt. Der selbsternannte Wirtschaftsexperte Erdogan vertauscht Ursache und Wirkung, wenn er meint, dass niedrige Zinsen würden für niedrige Inflation sorgen. Die Erfahrung der letzten 50 Jahre globaler Notenbankpolitik sehen es genau anders herum. Und die Zins- und Währungsmärkte reflektieren genau diese Reaktion. Die nennen wir sie einmal unorthodoxe Zins- und Währungspolitik der Türkei bzw. Erdogans wird den weiteren Zusammenbruch der Türkei herbeiführen, wenn Erdogan bei seinem Irrglauben bleibt. Die Folgen kennen wir beispielhaft aus dem Jahr 1998 als Thailand zahlungsunfähig wurde und eine weltweite Krise der Schwellenländer ausbrach.

Italien ist ähnlich gelagert. Dem typischen vereinfachenden Muster der Populisten folgend beschuldigen die starken Männer der Regierung Di Maio und Salvini für alles die EU und/oder die Migranten. Und so schaffen sie es, gegen die Regierung Conti und dessen Finanzminister mit ihren Forderungen nach Ausgaben, Ausgaben, Ausgaben die Kapitalmärkte zu verprellen und die Anleihekurse in den Keller zu schicken. Logischerweise hilft auch nicht die Türkeikrise, da gemutmaßt wird, dass sicher auch wieder irgendeine italienische Bank sich mit Türkeigeschäften verhoben hat.

Auch wenn die Mechanismen ähnlich sind, ist der Fall mit Herrn Trump anders  gelagert. Die Ausgabenpolitik bzw. Steuersenkungen kann man sich in den USA derzeit noch leisten. Die Wirtschaft läuft langsam heiß, aber das grobe Gleichgewicht der Kräfte wird durch die Notenbank und ihre Zinsanhebungen aufrechterhalten. Bedenklich ist der Verfall der Sitten und die Rolle der Medien, namentlich die des Fernsehsenders Fox-News, der in bester deutscher Propaganda-Manier alles und jeden niederschreit und sich sogar, ich bitte die drastische Ausdrucksweise zu entschuldigen, entblödet Dänemark als sozialistischen Zwangsstaat mit massiven Wirtschaftsproblemen darzustellen. Hier führt der Verfall der Sitten, der allen voran vom amerikanischen Präsidenten forciert wird, zur weiteren Spaltung der Gesellschaft. Die Schuld für etwaige Missstände liegt, wie bei anderen Populisten auch, beim politischen Gegner oder im Ausland: hier China. Über die Gefahren und Wirkmechanismen eines Handelskriegs habe ich hier schon mehrfach berichtet. Wir Europäer sollten uns nicht dem Irrglauben hingeben, dass mit der Einigung Junckers und Trump wir außen vor wären. Tatsächlich sind europäische Unternehmen weit mehr von Veränderungen im Welthandelsgefüge betroffen als amerikanische oder asiatische Firmen , da sie einen Anteil von etwas mehr als 50 % ihrer Umsätze im Ausland erwirtschaften. In den USA sind das gerade einmal ca. 25 %. Das heißt, dass Trump den Spielraum hat, den weder Erdogan noch Di Maio/Salvini haben, um Geschenke ans Volk zu verteilen. Wer sich an »panem et circenses« erinnert fühlt, tut dies zurecht.

All diese hässlichen Veränderungen überdecken eine Vielzahl von guten Nachrichten, die in den letzten Wochen hereingekommen sind. Gute (Europa) bis exzellente (USA) Gewinnberichtserstattung der Unternehmen für das zweite Quartal. Stabil gute Exportzahlen der Frühindikatoren Korea und Taiwan. Gute Export- und Importzahlen Chinas. Stabile bis steigende Frachtraten für Schüttgut und Container, was keinen Einbruch des Handels signalisiert. Mit Ausnahme der USA niedrige Zinsen der Notenbanken und niedrige Inflationsraten. Damit liegen alle Voraussetzungen für eine Fortsetzung der Aktienrallye vor, wenn nicht unsere Populisten die Stimmung belasten würden.

Damit die Märkte aber wieder in Tritt kommen können, werden wahrscheinlich echte Fortschritte auf Einigung zwischen USA und China nötig sein. Das kann schon im August geschehen, sich aber auch bis September/Oktober hinziehen. Mit unserem recht gut austariertem Portfolio sehen wir uns für die Volatilität der nächsten Wochen gewappnet und halten es noch für zu früh, um unsere Aktien zu reduzieren. Wenn es anders kommt als wir denken, werden wir aber einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten.