Hopp oder Top – Erholung oder Rezession?

Marktkommentar - November 2018

Hopp oder Top – Erholung oder Rezession?

Dr. Achim Hammerschmitt - CFA, Leiter Vermögensverwaltung & Fondsmanagement der Fürstlich Castell’schen Bank

Nach einem verstörenden Oktober durchleben wir gerade einen unangenehmen November an den Kapitalmärkten. Die Liste der Problemfelder, die für Gegenwind sorgen, ist lang und reicht von den politischen Problemen der Eurozone mit wachsender Angst vor einem ungeordneten Brexit und Italienischen Eskapaden, über die geopolitische Auseinandersetzung im Handelskrieg zwischen den USA und China bis hin zu den selbstgemachten Problemen der deutschen und europäischen Autobauer mit dem neuen Testzyklus WLTP. Wir erkennen immer mehr, wie die Schwächung der Globalisierungswelle und die Wiederauferstehung des nationalen Egoismus auf die Volkswirtschaften wirkt: Die Herstellung eines Produkts wird, egal wo auf der Welt, immer mehr von Zöllen und Überlegungen, wie man wann und wo in der Welt produziert, behindert.

In der Folge sinken die Erwartungen der Unternehmen, da sie mit höheren Kosten rechnen müssen. Es steigt die Verunsicherung, da ein Hin-und-Her wie im Brexit oder bei Trumps Zöllen keine längerfristige Planung erlaubt. Es sinken die Investitionen, weil gesunkene Erwartungen und gestiegene Verunsicherung dem gesunden Menschenverstand raten, lieber zu warten. Die Arbeiter und Angestellten spüren diese Veränderungen und passen ihr Ausgabeverhalten an die veränderte Lage an – sie kaufen weniger ein. Was dann wieder die Erwartungen der Unternehmen belastet und zur nächsten Runde führt. Im schlimmsten Falle kann solch eine Feed-Back-Schleife auch in eine Rezession führen. Dazu muss es aber auch nicht kommen, da die grundsätzliche Gesundheit der Unternehmen global nach wie vor gegeben ist und tatsächlich auch noch überall gutes Geld verdient wird. Dies ist insbesondere in den USA so, wo die Unternehmen im Mittel noch nie in ihrer Historie so viel Geld verdient haben. Und obwohl die ansässigen Unternehmen dort, wo sie voriges Jahr 100 $ verdient haben, jetzt 130 $ verdienen und für 2019 erwartet wird, dass sie dann 140 $ und mehr Gewinn machen, kann der US-Aktienmarkt gerade einmal ein Plus von knapp 2 % vorweisen. Bei den guten, wenn auch nicht wirklich höheren Gewinnen als im Vorjahr, in Europa stehen 10 % Verlust bei den Aktien zu Buche. Da sollte doch noch etwas gehen, denkt man sich.

Die Verunsicherung unter Anlegern ist allerdings in den letzten Monaten gewachsen. Das hat vor allem damit zu tun, dass man, egal welcher Assetklasse man sich zuwandte, in diesem Jahr Verluste einfahren musste. Die einzige Ausnahme sind deutsche Staatsanleihen und US-Aktien. Bei Festverzinslichen verlor man zwischen 1 % bei euroländischen Staatsanleihen und 6 % bei nachrangigen Anleihen des Versicherungssektors. Im Mittel kann man von 2 % bis 2,5 % Verlust bei Rentenpapieren ausgehen. Bei Aktien sehen wir in den großen Regionen zwischen 2 % Gewinn in den USA und 14 % Verlust in den Schwellenländern und dem DAX. Im Mittel hat man inklusive der Währung etwa 5 % bis 6 % verloren. Auch Gold ist seit Jahresanfang negativ, sogar wenn man die positive Entwicklung des US-Dollars einrechnet. Es gab sprichwörtlich kein Plätzchen an dem man sich vor dieser negativen Wertentwicklung verstecken konnte.

Nimmt man nun diese marktbedingte Verunsicherung mit den politischen Problemen zusammen, dann kann die negative Entwicklung nur dadurch durchbrochen werden, dass Probleme wie Brexit, Italien, Handelskrieg entweder gelöst werden, oder es den Marktteilnehmern dämmert, dass politische Börsen doch kürzere Beine haben als befürchtet. Zum ersten benötigen wir Ergebnisse aus der Politik, namentlich dem G20-Gipfel. Für letzteres benötigen wir Zeit, die herausarbeitet, dass China nicht so große Probleme mit dem Handelskrieg hat, wie alle befürchten, oder, dass Wachstum und Profit auch außerhalb der Vereinigten Staaten existiert, selbst wenn Zölle ansteigen. Die Chancen für eine Lösung beurteilen wir für die beiden Problemfelder mittlerweile unterschiedlich.

Der Erfolg Trumps in den Umfragen und teilweise in den Midterm-Wahlen geht zum größten Teil auf seine kompromisslose Politik gegenüber China zurück. Warum sollte er dieses Thema beim G20-Gipfel beerdigen, wo es ihm innenpolitisch so stark hilft? Das Ergebnis wird daher wohl aus der Kategorie »We agree to disagree« sein und die Märkte nicht beruhigen.

China wird dann weiter dem Druck ausweichen, indem es seine Wirtschaft durch eine schwächere Währung stimuliert. Das ist ein völlig anderes Vorgehen als in der Finanzkrise 2008 oder 2015 als Geld in die Hand genommen wurde und Fabriken und Verkehrswege geschaffen wurden. Dies hat damals auch dem Rest der Welt genutzt, nicht zuletzt den größten Anlagebauern des Globus, den Deutschen und Japanern. Stimulierung der Wirtschaft über die Währung tut dies leider nicht, sondern bereitet dem Rest der Welt eher Kopfzerbrechen. Wir sehen dies in Europa z. B. an dem weiter steigenden, entsprechend des Handels gewichteten Euros, der ein Sinnbild dafür ist, dass der Wettbewerb für euroländische Produzenten härter wird. Das wird auch sukzessive an den Wachstumserwartungen nagen und in Frage stellen, ob Zeit wirklich hilft, bis alle erkannt haben, dass die Weltwirtschaft noch wächst.

Die Herausforderungen sind da. Und mit unseren defensiv aufgestellten Portfolios sehen wir uns für die nächsten Wochen stabil aufgestellt und halten es derzeit noch für zu früh, Aktien noch stärker zu reduzieren. Sollten aber neue Tiefstände gesetzt werden, werden wir unsere Positionen noch defensiver machen, bis sich der Sturm gelegt hat. Wie immer gilt: Wenn es anders kommt als wir in unserem Kernszenario erwarten, werden wir einem weiteren Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz unsere Risikobudgets verteidigen und in »sichere Häfen« wie Bundesanleihen, US-Staatsanleihen, UK-Gilts, Gold oder Währungen wie Yen, Schweizer Franken etc. umschichten.