03.09.2020 - FED dürfte nach Strategieschwenk die Zinsen für längere Zeit niedrig halten

Das alljährliche Treffen des Who`s Who der Notenbankenwelt hat zwar nur virtuell statt im malerischen Jackson Hole, WY stattgefunden, FED-Chef Jerome Powell hat hingegen wohl eine der gewichtigsten Reden der letzten Jahre gehalten.

Die FED hat ihr Inflationsziel grundsätzlich angepasst und wird in Zukunft sogenanntes „overshooting“ der Inflation über 2 Prozent hinnehmen. Sie wird erst dann die Zinsen anheben müssen, wenn im langfristigen Durchschnitt die Inflation bei mehr als 2 Prozent liegt. Das kann dauern, denn in diesem Jahrhundert hat die Inflation in den USA noch nie diese Marke gerissen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die US-Notenbank die Zinsen wohl für wesentlich längere Zeit als vorher antizipiert auf Rekordtiefen belassen wird und damit ihrem zweiten Ziel, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, den Vorrang gibt.

Anleger warten noch auf mehr Details, die wohl in den nächsten Wochen durch weitere Reden von US-Notenbankern kommen dürften. Ein Strategieschwenk der wichtigsten Notenbank der Welt ist für Anleger ein kniffeliges Unterfangen, da die Märkte - vor allem die Rentenmärkte - sehr sensibel auf Äußerungen der Zentralbanken reagieren.

Interessanterweise sind die Renditen von langfristigen US-Staatsanleihen in Reaktion auf die Rede von Jerome Powell gestiegen. Anleger gehen nun von steigender Inflation aus, obgleich -  oder vielleicht gerade weil - die Zentralbank eine laxere Geldpolitik angekündigt hat; das wäre ein klassischer Signalling Effect von Geldpolitik. Allein durch die Erwartungen der Marktteilnehmer kann Inflation angefeuert werden, so die Theorie.

Die EZB hat ihre Strategieüberprüfung wegen der Corona-Pandemie aufs nächste Jahr verschoben. Allerdings ist es hoch wahrscheinlich, dass auch die Notenbank für die Eurozone auf ein sogenanntes „asymmetrisches Inflationsziel“ umschwenken wird. Das würde dann auch für Europa noch länger niedrige Zinsen bedeuten.

Was der Strategieschwenk der FED für die US-Politik bedeutet, bleibt offen. Natürlich sind weiter steigende Märkte wahrscheinlich positiv für das Wahlergebnis von Donald Trump, das gleiche gilt für einen sich verbessernden Arbeitsmarkt. Allerdings hat die Notenbank keinerlei Einfluss auf die weitere Entwicklung der Corona-Krise, deren Management und weiterer Verlauf letztlich das Zünglein an der Waage bei den US-Wahlen sein könnte. In manchen Swing States hat sich auch die Bevölkerungsstruktur zugunsten der Demokraten verändert. In den momentanen Meinungsumfragen sieht alles nach einem Wahlsieg der Demokraten aus - allerdings kann bis November noch einiges passieren.