15.09.2020 - Die EZB hält die Füße still und gibt sich überraschend optimistisch

Der Rat der Europäischen Zentralbank hat in seiner Sitzung der letzten Woche keine Veränderungen und keine Ausweitung der Anleihekäufe entschieden, obwohl die Inflation auf ein neues Rekordtief gesunken ist und die Aufwertung des Euros die wirtschaftliche Erholung belastet.

EZB-Chefin Christine Lagarde gab sich überraschend optimistisch und korrigierte sogar die Prognose für die Inflationserwartung - wenn auch nur minimal - nach oben. Den seit März deutlich gestiegenen Außenwert des Euros sprach sie zwar an und betonte mehrfach, dass die EZB dies weiter beobachten würde, aber die Währungshüter sahen keinen Grund weitere Massnahmen zu ergreifen, um den Euro zu verbilligen.

Einen Tag später trat Philip Lane, der Chefvolkswirt der Notenbank, an die Öffentlichkeit und klang allerdings deutlich besorgter. Er sagte, dass die wirtschaftliche Erholung der Eurozone wohl drei Jahre dauern werde und mit erheblichen Unsicherheiten einher ginge. Auch betonte er, dass die Zentralbank bereit sei, ihre Notfallhilfen zu verstärken und auch das sogenannte PEPP-Programm (Pandemic Emergency Purchase Program) auszubauen. Das war wohl der deutlichste Hinweis darauf, dass die Notenbank daran arbeitet.

Die Märkte gehen davon aus, dass die EZB im Dezember mit mehr Stimulus aufwarten wird. Die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor und die Zentralbank riskiert, dass sich die Inflationserwartungen abkoppeln. Das wäre das schlimmste für eine Zentralbank, deren einziges Mandat es ist, den Geldwert stabil zu halten und keine Deflation zuzulassen.

Was könnte die EZB also im Dezember entscheiden?

Sie könnte das Anleihekaufprogramm ausweiten, sie könnte die Zinsen noch weiter senken, sie könnte andere Anlageklassen wie Aktien und Junkbonds kaufen.

Kritiker, zu denen auch der Bundesbank-Präsident Weidmann gehört, betonen weiterhin, dass die negativen Nebenwirkungen all dieser Maßnahmen nicht vergessen werden dürfen. So werden die Preise für Immobilien immer höher, die Aktienmärkte boomen, obgleich sich die Wirtschaft in der schwierigsten Lage seit dem Zweiten Weltkrieg befindet. Profitieren, so die Kritiker, werden vor allem die Vermögenden, die bereits investiert sind und sich Immobilien leisten können.

Was bleibt der EZB also übrig? Ihre Glaubwürdigkeit wird daran gemessen, wie gut es ihr gelingt, hohe Inflation, aber auch Deflation zu verhindern. Es wird ihr nichts anderes übrigbleiben, als mehr zu unternehmen, wenn die Inflation nicht anspringt, andernfalls werden die Märkte anfangen, gegen sie zu wetten.